Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Sonntag den 30.03.1997 - Der 9. Tag - Druzhba heißt Freundschaft

Es ist 7.00 Uhr, die Sonne scheint ins Abteil, die Vöglein zwitschern, eigentlich ist heute Ostersonntag aber davon ist nicht viel zu spüren.

Der Zug steht im Bahnhof von Aktogai. Ob es auch einen Ort gleichen Namens gibt, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Zu sehen ist außer einem kleinem Empfangsgebäude und der Wüste nämlich nichts. Nach erfolgtem Fahrtrichtungswechsel geht es weiter Richtung Südost. Ganz rechts zweigt die für den Personenverkehr stillgelegte über 500 km lange Strecke nach Mointy ab, deren anderes Ende wir vor zwei Tagen auf der Fahrt nach Almaty bereits sehen konnten. Nun aber geht es wirklich auf der Seidenstrasse oder in diesem Falle besser „Seidenbahn“ weiter.

Schon um das Jahr 200 vor unserer Zeitrechnung verband diese transkontinentale Route das Römische Reich der Cäsaren im Westen mit dem China der Han-Dynastie. Vor der Entdeckung des Seeweges war die Seidenstrasse die wichtigste Verbindung zwischen dem Orient und dem Okzident. Ihre letzte große Blütezeit erlebte sie in der Mongolenära, als der gesamte Weg von China bis zum Mittelmeer einem Herrschaftsbereich angehörte. Zu jener Zeit reisten Nicolò und Marco Polo (1254-1323) in den Fernen Osten, von Kaschgar aus, wie jetzt feststeht, auf dem südlichen Weg. Wir folgen mit dem Zug von Almaty über Urumqi bis Lanzhou auf der Nordroute der Seidenstrasse. Diese Bahnlinie wurde im Abschnitt Urumqi – Aktogai erst 1992 für den allgemeinen Personenverkehr freigegeben. Mit der Öffnung der Ozeane für den Seehandel verlor die Landverbindung rasch an Bedeutung. Vielleicht, wird sich dies durch diese neue Bahnverbindung wieder ändern. In der Geschichte ist diese Handelsverbindung nie als Seidenstrasse bekannt gewesen. Die Bezeichnung hat erst der deutsche Geograph Ferdinand von Richthofen (1833-1905) diesem Handelsweg gegeben.

„Seide...Es wahr einmal ein junges Mädchen, das einen schönen Schimmel besaß, der ihre Muttersprache verstand. Eines Tages geriet der Vater des Mädchens in große Gefahr. In seiner Sorge wandte sich das Mädchen an den Schimmel, bat ihn, den Vater zu retten, und versprach dem Schimmel, ihn danach zu heiraten. Der Schimmel befreite den Vater aus der Not und brachte ihn sicher nach Hause. Aber dieser, statt ihm zu danken, erschoss das Tier, weil er die Pferdehaut zu nutzen gedachte, und hängte diese dann zum Trocknen an einen Maulbeerbaum. Als das Mädchen die Haut des geliebten Pferdes dort hängen sah, wurde es sehr traurig. Es ging zu dem Maulbeerbaum, um die Haut zu streicheln. Da auf einmal wickelte sich die Pferdehaut um den Leib des Mädchens und flog mit ihr auf einen Baum. Dort verwandelte sich das Mädchen in eine Seidenraupe und begann, immer wieder einen Kokon aus einem wunderbar weißen und leichtem Faden zu spinnen...“

So erzählt eine chinesische Legende.


Erste Ausläufer des Tian
Shan Gebirges am Horizont
bei Koktuma.
Im kleinen Bahnhof von Beskol gibt es erstmals die Möglichkeit auszusteigen. Die ganze Dorfbevölkerung ist auf dem einzigen Bahnsteig und versucht, einige Habseligkeiten an die Reisenden zu verkaufen. Der Zug ist wahrscheinlich die einzige Abwechslung im Laufe des Tages.

Jetzt zeigt sich auch der andere Deutsche, er ist tatsächlich alleine unterwegs. Er ist mit dem Zug aus Vietnam gekommen und mit dem Flugzeug von Urumqi nach Almaty geflogen. Der Flug dauert nur 2 Stunden, der Zug benötigt für diese Strecke immerhin fast 2 Tage.

Wenige Kilometer nachdem wir den Bahnhof verlassen haben, ist südlich der Strecke in der Ferne das über 4000 m hohe Zongar-Alatauj Gebirge zu sehen, mit richtigem Schnee auf den Gipfeln. Der kasachische Zoll geht durch den Zug und kontrolliert die Reisepässe. Sollte dies die ganze Grenzkontrolle gewesen sein ?

Es wird immer wärmer, im Zug sind es schon 23o Grad, und draußen dürfte es nicht viel weniger sein. Nördlich vom Gleis ist ein großer See. In Anbetracht der Außentemperatur wird das Weiße auf der Oberfläche sicherlich Salz und kein Schnee sein. Ab Streckenkilometer 230 entfernt sich das Gebirge wieder und die Gegend ähnelt wieder einer öden Wüste, nur hin und wieder aufgelockert durch kleine Siedlungen, in denen dann auch ein paar Bäume wachsen.

Die Strecke ist eingleisig, die Schienen nicht verschweißt, und es gibt noch eine richtige Telegrafenleitung. Ab der Ortschaft Zhalamaschkol geht es vielleicht in 200-300 m Entfernung parallel zur chinesischen Grenze, die hier mit einem hohen Zaun und Panzersperren (!) überaus stark befestigt ist.

Sowohl nördlich als auch südlich der Strecke sind kleinere Gebirgszüge zu erkennen.


Einfahrt in den kasachischen
Grenzbahnhof von Druzhba
an der chinesischen Grenze.
Es ist kurz nach 14.00 Uhr, als der Zug das Einfahrsignal des kasachischen Grenzbahnhof Druzhba erreicht. Die Einheimischen verlassen bereits hier den Zug und gehen zu Fuß zum Bahnhof.

Dort können wir den chinesischen Gegenzug von Urumqi nach Almaty erkennen mit einer chinesischen Diesellokomotive an der Spitze. Erst nachdem die Lok abgehängt, der Zug mit einer regelspurigen Rangierlokomotive versehen wurde und in die etwas nördlich von uns im freien gelegene Umspuranlage gedrückt wurde, können wir in den eigentlichen Bahnhof einfahren.

Es ist ein zweistöckiger moderner Zweckbau, der ideal zwischen zwei Berghängen, sozusagen auf Passhöhe liegt. Die Bahnanlagen sind recht umfangreich. Es gibt viele Gütergleise, auf denen neben E- und G-Wagen auch Container-Wagen stehen. Auch sind, dem optischen Zustand nach schon seit längerem, zwei große Hallen im Bau. In denn voraussichtlich demnächst die Umspurung vorgenommen wird.

Außer den Menschen, die bei der Eisenbahn beschäftigt sind, scheint hier aber niemand zu wohnen.

Die Kontrolle von heute Vormittag ist offensichtlich doch nur eine Vorhut gewesen. Die kasachischen Grenzorgane gehen durch die Wagen sammeln die Pässe ein und verschwinden.

Auch unser Zug wird nach einer Weile von einer allerdings breitspurigen Rangierdiesellok in Richtung Umspuranlage gedrückt. Offensichtlich gibt es nur ein Umspurgleis, denn unser Zugverband wird auf ein paralleles Wartegleis geschoben. Direkt neben dem Lokschuppen kommt unser Wagen zum Stehen. Zu unserer Überraschung ist das Zufahrtsgleis zum Lokschuppen ein Dreischienengleis (1524 und 1435 mm), während im Bahnhof selbst ein Vierschienengleis liegt. Im Lokschuppen steht eine 1994 gebaute moderne chinesische Diesellok vom Typ DF4. Die Baureihe DF4 ist die zweite Generation chinesischer Diesellokomotiven mit elektrischer Kraftübertragung und ist zugleich der erste rein chinesische Entwurf. Die seit neuestem auch in Datong gebauten Lokomotiven besitzen einen Sechzehn Zylinder V Viertakt Motor, der eine Nennleistung von 2430 kW entwickelt. Die 138 t schweren Maschinen, von denen bisher mehr als 1000 Stück gebaut wurden, prägen das Erscheinungsbild des Verkehrs auf vielen chinesischen Hauptstrecken.

Leo und Tobias steigen aus und lassen sich zusammen mit der stolzen chinesischen Lokmannschaft vor ihrer Lok fotografieren.


Der Reiseleiter im Wagen
des Zuges von Almaty nach
Urumqi. Druzhba
Eine Stunde vergeht, ohne dass auch nur das Geringste geschieht. Dann endlich geht es weiter, der chinesische Zug wird von hinten aus der Umspuranlage gedrückt. Mehr als verwundert stellen wir fest, dass sogar Güterwagen umgespurt werden. Und ausgerechnet E-Wagen deren Ladung wahrscheinlich schneller von einem Wagen in den anderen umgeschüttet werden könnte!

Gegen 16.15 Uhr verlässt donnernd, etwas von uns entfernt, der Zug nach Almaty den Bahnhof von Druzhba.

Eigentlich hatten wir gehofft, vor dem Aufbocken den Wagen verlassen zu können, um den Umspurvorgang besser beobachten zu können. Aber sämtliche Außentüren werden verriegelt, ja selbst der Samowar wird geschlossen. Fehlt jetzt nur noch, dass die Abteiltüren und die wenigen offenen Fenster geschlossen werden müssen. Was soll’s, sowieso erstaunlich wie problemlos bisher fotografiert werden konnte.

Endlich mal Zeit diese Zeilen zu schreiben und sich um die Mitreisenden zu kümmern. Und da haben wir richtige Prominenz an Bord, zum Beispiel drei Nordkoreaner einer von Ihnen hat 1974 bei den Olympischen Spielen in München die Bronzemedaille im Schiessen gewonnen. Er gilt in Nordkorea als Nationalheld und darf wahrscheinlich daher relativ frei reisen. Über Urumqi fahren sie über Peking zurück nach Pjöngjang.

Noch bevor unser Wagen wieder abgelassen wird, bekommen wir doch noch unsere Chance auszusteigen und zu fotografieren. Aber nur, weil einige Damen in unserem Wagen dringend auf die Toilette müssen und die weibliche Prowodnik Mitleid hat.

Bis auf zwei sind alle Wagen bereits wieder abgelassen – Grund Drehgestellstau. Stolz macht einer der Arbeiter uns darauf aufmerksam das es sich um deutsche Wagen handelt.

Um 19.19 Uhr werden unsere Wagen endlich wieder an den Bahnsteig rangiert. Aussteigen ist aber nicht möglich, denn die eigentliche Passkontrolle findet erst jetzt statt. Ärgerlich, denn draußen wird es dunkel, aus einem Foto mit dem Zug im Bahnhof wird nun wohl nichts mehr.

Ein Uniformierter rennt ständig mit unseren Pässen durch den Zug, gibt sie uns aber nicht. Erst nachdem der Zoll sämtliche Abteile von oben bis unten durchsucht hat und wir eine Zolldeklaration ausgefüllt haben, fahren wir ab – ohne unsere Pässe.

Nach vielleicht 3 km durchfahren wir ein Tor im Grenzzaun, welches nach uns sofort geschlossen wird. Wenige hundert Meter weiter bleibt der Zug neben einer etwas unterhalb des Bahndamms befindlichen Kaserne stehen. Es ist stockfinster der Himmel klar, Sterne und Komet Hale-Bopp sind gut zu erkennen. Einige Soldaten patrouillieren mit Hunden am Zug entlang, in der Kaserne ist schwaches Licht zu erkennen. Nichts passiert, Totenstille umgibt uns. Nur neben der Kaserne marschieren ungefähr drei Dutzend Soldaten singend auf und ab. Alles reine Schikane, vermute ich, der Kasachen gegenüber den Chinesen. Denn die haben letzten Endes die Folgen der Verspätung auszubaden.

Durch gelegentliches Pfeifen macht sich der chinesische Lokführer auf seiner Diesellok bemerkbar. Was soviel bedeutet wie, lasst gehen ich will nach Hause. Es ist 22.30 Uhr Ortszeit, als sich endlich ein Grenzorgan bequemt, uns die Pässe zurück zu geben. Mit einem langen Freudenpfiff der Diesellok setzt sich der Zug kurz darauf langsam in Bewegung.

In leichtem Gefälle geht es durch lange Kurven durch die Nacht. Über uns funkeln Komet und Sterne, ansonsten ist kein Licht zu sehen. Die Umgebung ist leicht hügelig und soweit zu erkennen völlig kahl. Nach einigen Minuten des Dahinrollens, ist in der Ferne am Horizont ein Lichtschimmer zu sehen – die chinesische Grenze. Beim Näherkommen entpuppt sich die eigentliche Grenze jedoch als harmloser Grenzstreifen ohne Zaun, nur ein Auto strahlt den Zug mit seinen Scheinwerfern an. Das Licht am Horizont, welches nun deutlicher zu erkennen ist stammt demnach von der Grenzstation Alataw.


Der richtige Zeitpunkt die Uhrzeit zu korrigieren, denn in ganz China (und Hongkong) gilt die Pekingzeit, und die ist der Mitteleuropäischen Sommerzeit 6 Stunden voraus.

Von weitem sehen wir den hell erleuchteten Bahnhof. Es gibt mehrere Gleise. Unser Zug fährt ganz rechts auf Gleis 1 unmittelbar am Empfangsgebäude ein. Der Bahnsteig ist taghell erleuchtet und so sauber, dass man vom Boden essen könnte. Das wahrscheinlich komplette Personal des Bahnhof steht in Galauniform und strammer Haltung dem Zug zu salutierend auf dem Bahnsteig. Über Lautsprecher auf dem Bahnsteig wird die chinesische Nationalhymne abgespielt, die Nationalflagge flattert im künstlichen Wind. Ein wahrhaft bewegender Moment.

Das postmoderne Empfangsgebäude ist prächtig herausgeputzt, man merkt gleich hier herrscht noch Zucht und Ordnung. Kaum ist die Nationalhymne ausgeklungen verschwindet blitzschnell der größte Teil der Belegschaft im Laufschritt im Empfangsgebäude. Ein andere Teil stürmt den Zug und sammelt die Reisepässe ein. Die Restlichen patrouillieren am Zug auf und ab.

Irgendeiner von uns, muss einem der Grenzer gesagt haben, dass ich der Reiseleiter bin. Auf jedem Fall möchte nun einer der Uniformierten von mir eine Namensliste und eine Zolldeklaration in zweifacher Ausführung von allen Teilnehmern haben.

Die habe ich natürlich nicht, wozu auch, hat doch jeder sein eigenes Visum und kein Gruppenvisum. Er lässt sich jedoch nicht von seiner Forderung abbringen, und so müssen alle nacheinander mir ihre Devisenbeträge nennen. Was natürlich eine ganze Weile dauert, immerhin ist es 1.00 Uhr, und da ist niemand mehr zu Höchstleistungen fähig. Aber auch das überstehe ich, und um kurz vor 2 Uhr bekommen wir unsere Pässe wieder, bis auf Ewald. Ihm fehlt offensichtlich von der letzten Chinareise ein Ausreisestempel, nach einiger Überzeugungsarbeit bekommt er seinen Reispass aber doch noch wieder. Und endlich um 2.21 Uhr mit fast 3 Stunden Verspätung fahren wir ab Richtung Urumqi.

Ich haue mich sofort aufs Ohr, die Nacht ist eh schon kurz genug.


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