Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Samstag den 29.03.1997 - Der 8. Tag - Almaty (Alma-Ata)

Nassgeschwitzt wache ich gegen 7.30 Uhr auf. Als ich das Wetter draußen sehe (Nieselregen und Nebel), würde ich am liebsten gleich weiter schlafen, aber in zwei Stunden soll der Zug in der noch Hauptstadt Almaty eintreffen. Vermutlich seit Otar ist die Strecke nicht mehr elektrisch und der Zug wird von einer 2TE gezogen, die Strecke selber ist zweigleisig.

Fast pünktlich erreichen wir den Bahnhof 2 von Almaty, einen Kopfbahnhof, und auch hier ist keine Fahrleitung zu sehen. Wieder gibt es neben dem Hausbahnsteig nur einen Mittelbahnsteig, an dem unser Zug hält. Da es weder eine Über- noch Unterführung gibt, überqueren wir die Gleise ebenerdig, das Empfangsgebäude befindet sich parallel zu den Gleisen.

Wir versammeln uns auf dem Bahnsteig in der Hoffnung, dass wir auch hier wieder von dem örtlichen Intourist Mitarbeiter abgeholt werden. Es kommt aber niemand, so gehen wir in das Empfangsgebäude, um uns vor dem Nieselregen besser zu schützen. Sowohl vor, im als auch hinter dem Bahnhof sind viele Menschen unterwegs, einige von Ihnen bieten uns an, mit ihrem Taxi zu fahren. Ich schaue mich weiter nach einem Intourist Mitarbeiter um, aber niemand ist zu sehen. Also versuchen Udo und ich, mit dem Hotel telefonisch Kontakt aufzunehmen. Dies gelingt auch, und es wird uns zugesichert, dass in Kürze ein Bus am Bahnhof sei. Und tatsächlich - nach vielleicht 10 Minuten kommt ein Intourist Bus, und ich werde von Jenis Isagulow dem hiesigen Manager auf deutsch begrüßt. Er entschuldigt sich dafür, dass wir warten mussten und erklärt dies mit einer Verwechslung der Ankunftszeit unseres Zuges in Almaty.

Wir verstauen unser Gepäck im Bus und würden gerne losfahren ,wenn da nicht die vielen Autos uns am Fortkommen behindern. So wird kurzerhand der Rückwärtsgang eingelegt und durch „Drücken“ (?!) etwas Platz geschafft. Dies gefällt einem hinter uns parkendem Taxifahrer überhaupt nicht, und nach einer lautstarken Diskussion mit unserem Busfahrer ist aber auch dieses Problem beseitigt.

Während der kurzen Busfahrt zu unserem Hotel erzählt uns Isagulow schon einiges über Almaty.

Die Stadt Almaty hat etwas über 1 Millionen Einwohner. Sie liegt in einem alten Siedlungsgebiet und war ursprünglich eine kleine Siedlung am Rande der Seidenstrasse. Am westlichen Nordrand des über 5000 m hohem Tianschan-Gebirges. Die Stadt selber liegt in einer Höhe von 850 m. Almaty ist ein bedeutendes Kunstzentrum, sie hat eine eigene Universität und eine Reihe von Forschungsinstituten.

Wenig später hält der Bus vor dem Hotel „Otrar“ an der Karl-Marx Strasse im Zentrum von Almaty. Wir haben hier eine sogenannte Tagesübernachtung, das bedeutet in diesem Falle, dass wir das Hotel am Abend wieder verlassen werden und somit nur ein Zimmer haben. Hier können wir unser Gepäck deponieren und uns waschen (duschen). Wir bekommen das Zimmer 342 mit Klimaanlage. Überhaupt macht es einen sehr gepflegten Eindruck im Vergleich zu dem Hotel von Akmola. Vom Fenster aus ist die Panfilow Parkanlage, die nach den 28 Gardesoldaten benannt wurde, zu sehen.

Um 12.00 Uhr treffen wir uns in der Lobby um, bis auf Lars und Olaf die die Stadt lieber auf eigene Faust erkunden wollen, zusammen mit dem Bus in das Jurtendorf Medeo zu fahren.

Eine Leistung, die von mir weder bestellt und auch nicht bezahlt wurde. Wahrscheinlich eine Pr-Maßnahme des kasachischen Intourist, die von uns aber gerne angenommen wird.


Einladung zu einem
kasachischen Essen in einer
Jurte. Medeo (südl. Almaty).
Sechzehn Kilometer von Almaty entfernt in 1600-1700 m Höhe über dem Meeresspiegel liegt Medeo, eine der malerischsten Schluchten des Trans-Ili-Alatau. Leider ist von den bis zu 5000 m hohen Bergen und Schluchten nichts zu sehen. Es regnet zwar nicht mehr, dafür sind wir aber mitten im Nebel und können vielleicht mal gerade 200 m weit sehen. An einem schneebedeckten Hang der Medeo Schlucht sollen sich insgesamt 25 Jurten des „Kasachski Auls“, eines Sommerhotels von Intourist, befinden. Wir sehen aber gerade mal 5 Jurten. Eine Jurte ist ein transportierbares Kuppelzelt, wie es von den Nomadenvölkern benutzt wurde. Die Jurten von „Kasachski Aul“ wurden nach allen Regeln der angewandten Volkskunst geschmückt. Die Kuppelform wird durch ein Holzgerüst verliehen, welches mit weißem Filz bekleidet wurde. Zur Innenausstattung einer Jurte gehören dekorative Bänder, die sogenannten Baskuren, Wandteppiche, Tuskiisen genannt, mit nationalen Ornamenten.

Vor zwei großen miteinander verbundenen Jurten werden wir von einem Mann in weißer Tracht bereits zum Essen erwartet. Im ersten Raum der Jurte befindet sich die Bar, wir gehen weiter zum zweiten Raum in dem zwei lange niedrige Tische stehen und davor noch niedrigere Hocker. Der Tisch ist bis zum Rand voll mit typischen kasachischen Speisen und Getränken gedeckt. Hungrig wie wir sind nehmen wir Platz. Das die gegorene Stutenmilch (Kumys genannt) typisch kasachisch ist, will ich ja noch glauben, bei dem Orangensaft der Marke „Valensina“ (?!) sind dann aber doch Zweifel angebracht. In der Befürchtung, dass es so schnell nichts mehr gibt, werden Brot, Fleisch/Gemüse Salat, Farnsalat, Kaviarschnittchen, Laugengebäck und Wodka von uns im Nu verdrückt. Aber wir haben die Rechnung ohne den kasachischen Koch gemacht – dies war erst der erste Gang. Beim zweiten Durchgang gibt es dann Schaschlik, gehacktes Hammelfleisch und dazu Kartoffeln. Als sich dann auch noch der dritte Durchgang ankündigt, glaube ich, die wollen uns endgültig fertig machen. Weiter geht es also mit getrockneten Rosinen, Pfirsichen, Wallnüssen, „Ziegenmilchtrüffel“, Äpfel und zu allem Tee und deutsche Zahnstocher (?!). Was wir nicht aufessen und trinken, dürfen wir mitnehmen, meint Isagulow und hält mir die Flasche Wodka hin. Randvoll und erschöpft vom vielen Essen verlassen wir die Jurte.


Essen in der Jurte bei
Medeo.
Draußen ist der Nebel noch dichter geworden. An einem Souvenir Stand gibt es noch ein paar typisch kasachische Mützen und Münzen zu kaufen.

Bevor wir mit dem Bus in die Stadt fahren, ist es geradezu unsere Pflicht am weltbekanntem Hochgebirgs-Eisstadion von Medeo Station zu machen.

Geheiratet wird hier wohl im Kollektiv, fast ein halbes Dutzend Hochzeitspaare lassen sich mit ihren teuren (geliehen) Autos vor dem Eisstadion fotografieren.

Weiter geht’s mit uns bergab, und weil wir den Bus schon einmal haben, nutzen wir die Gelegenheit noch zu einer Stadtrundfahrt, in deren Verlauf wir so ziemlich alle Sehenswürdigkeiten wie die U-Bahn Baustelle ( der Bau wurde nach Abzug der russischen Fachleute - aus Devisengründen – zwischenzeitlich auf unbestimmte Zeit eingestellt), altem und neuem Präsidenten Palast, Universität, Opernhaus und Parlament zu sehen bekommen. Für mich wird das Vorhaben, die Hauptstadt nach Akmola zu verlegen, immer absurder. Während es in Akmola keine einer Hauptstadt würdigen Regierungsgebäude gibt, ist in Almaty die ganze Infrastruktur vorhanden. Das wäre gerade so als würde man in Deutschland den Regierungssitz nicht von Bonn nach Berlin sondern z.B. nach Bebra verlegen.

Am Platz der Republik bei der Siegessäule machen wir kurz Station. Wie in Moskau gibt es auch hier ein Mausoleum, jedoch ohne dass dort jemand drin liegt, von dem aus der Präsident seinem Volk zuwinken kann. An der Siegessäule lassen sich schon wieder zahlreiche Brautpaare fotografieren und filmen.

Wieder im Hotel angekommen sind noch 4 Stunden Zeit, bis dass der Bus uns zum Bahnhof fährt. Ich dusche zuerst und gehe dann zum Bahnhof, um wenigstens ein paar Alibi Fotos von ihm zu machen. Von einem Fußgängersteg geht das ganz gut, nur finden praktische keinerlei Zugbewegungen statt. Auf dem Weg zurück in das Zentrum mache ich dann wenigstens Fotos von der Straßenbahn, die sich (noch) bewegt, denn einige Linien wurden bereits stillgelegt. Ganz in der Nähe des Hotels befindet sich das Uniwermag „Alma-Ata“ und eine richtige Fußgängerzone. Dort kann ich meine Vorräte mit Limonade, Brot, Kuchen, getrockneten Pfirsichen und Keksen ergänzen.

Jetzt wird es auch Zeit, um zum Hotel zurück zu gehen, welches ich um genau 19.00 Uhr erreiche. Ich hole schnell mein Gepäck aus dem Zimmer und mit Sack und Pack geht es per Bus zurück zum Bahnhof.

Natürlich sind wir viel zu früh auf dem Bahnhof, soll doch der Zug erst um 20.10 Uhr (Ortszeit) abfahren. Um ca. 19.40 wird Zug 14 nach Urumqi dann auf dem ersten Gleis bereitgestellt.

Es sind alles in Deutschland gebaute Wagen der kasachische Eisenbahn. Wir sind im dritten Wagen untergebracht und haben die Abteile 2,3 und 4. Der Wagen ist sehr sauber, hat große Gardinen vor den Fenstern und aus den Zuglautsprechern kommt Musik. Ich nehme mit Michael und zwei Einheimischen das 2 Abteil. Anders als erwartet haben die anderen Fahrgäste nur sehr wenig Gepäck, und es geht sehr ruhig und gesittet zu.

Pünktlich verlässt der Zug mit der 2TE10L-1980 an der Spitze den Bahnhof 2 von Almaty. Weit geht es jedoch nicht, nach wenigen Minuten ist im Bahnhof Almaty 1 der erste Lok- und Fahrtrichtungswechsel. Mit einer Lok desselben Typs geht es dann aber endgültig in die Nacht. Bei uns im Abteil haben unterdessen die Prowodniks Tee serviert, den wir sage und schreibe sieben Mal aufbrühen, ohne dass er an Geschmack verliert. Die beiden Einheimischen sind doch nicht so ganz einheimisch, obwohl man das ihrem Aussehen nach vermuten könnte. Der eine, ein Chinese, der chinesisch spricht, und der andere, ein Kasache, der nur kasachisch kann. Eine Verständigung unter den Beiden ist nicht möglich, nur der Chinese spricht ein wenig Englisch und kann sich somit zumindest mit uns verständigen. Die Prowodniks sammeln die Pässe ein, um sie eine halbe Stunde später wieder alle an mich zurückzugeben. Hierbei stelle ich fest, dass es doch tatsächlich noch einen anderen Deutschen außer uns an Bord des Wagens geben muss.

Draußen hat es währenddessen aufgehört zu regnen, und es ist fast richtig warm geworden.


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