Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Donnerstag den 27.03.1997 - Der 6. Tag - Akmola (Zelinograd)


Tauwetter am Bahnhof
Akomla.

Zwei Elektroloks der
Baureihe WL 60 waren im
Bahnhof von Akomla auf
Ausfahrt.
Um 8.00 Uhr rappelt der Wecker und durchs Fenster dringen die ersten Sonnenstrahlen. Frühstück gibt es bis 10.00 Uhr, also noch genügend Zeit sich nach fünf Tagen endlich mal richtig zu duschen. Die Hoffnung, ausgiebig duschen zu können, muss ich jedoch begraben. Es kommt nur sehr wenig Wasser, und das ist noch nicht mal richtig warm.

Also runter zum Frühstück. Nach und nach treffen auch die Anderen ein. Zum Frühstück gibt es einen Orangensaft, einen Kaffee, Brot, rote Beete, Frischkäse, normaler Käse und Kekse.

Anschließend treffen wir uns mit Frau Kamzebaewa an der Rezeption, um dann zusammen in einer nahegelegenen Bank Geld zu tauschen. Tenge heißt hier die Währung Seitdem es den Rubel nicht mehr gibt. Für 1,- DM bekomme ich 45 Tenge. Ich tausche erst einmal 50,- DM um.

Frau Kamzebaewa zeigt uns noch, wo der Bus zum Bahnhof abfährt und verabschiedet sich dann. Bis auf zwei nutzen alle die Gelegenheit, mit dem Bus zum Bahnhof zu fahren. Der Fahrpreis beträgt 15 Tenge und in einem Original IKARUS Bus sind wir nach knapp 10 Minuten am Bahnhof.

Neben dem modernen Gebäude steht auch noch das alte Bahnhofsgebäude. In der Empfangshalle des Neubaus gibt es eine elektronische Zugzielanzeige vom Typ Pragotron. Der Bahnhof besteht aus dem Hausbahnsteig und einem Mittelbahnsteig, welcher mit dem Hausbahnsteig durch eine imposante und überdachte Überführung verbunden ist. Eigentlich aber völlig überflüssig, denn es geht sowieso jeder direkt über die Gleise. Weiterhin gibt es noch ein gutes Dutzend Gütergleise. Von einem Fußgängersteg am Ende des Bahnsteiges können wir die gesamten Gleisanlagen gut überblicken. Mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, hier zu fotografieren und zu filmen und rechne jeden Moment mit dem Auftauchen der Miliz. Zum Glück stört sich aber niemand an uns. Auf Gleis 1 steht ein sogenannter Firmenzug nach Almaty. Diese Firmenzüge zeichnen sich vor allem durch Schnelligkeit, Sauberkeit und Service aus. Leider stand dieser Zug nicht im russischen Kursbuch, sonst hätte ich diesen für die Fahrt nach Almaty vorgezogen.


Allee in Akmola der neuen
Hauptstadt von Kasachstan.
Peter, Ewald und ich beschließen, den Weg zum Hotel zu Fuß zurück zu legen, die anderen fahren lieber mit dem Bus.

Der Fußweg entwickelt sich zu einem echten Hürdenlauf, Berge von Eis, Schnee, Dreck, Pfützen, Schlamm und Schotter sind zu überqueren oder zu umgehen. Es ist für Akmola der erste Tag mit Tauwetter.


ACHTUNG LAWINE!

Krawum, nur durch eine Blitzreaktion entgeht Ewald einer Dachlawine aus Eis und Schneematsch.

Es werden von uns noch diverse Buchläden, Spielwarenläden und Lebensmittelgeschäfte, besichtigt bevor wir nach 2 Stunden wieder am Hotel sind.

Das Hotel ist neben dem alten Bahnhof sicherlich das schönste Gebäude der Stadt. Gegenüber dem Hotel befindet sich das Uniwermag, eine Art Karstadt und daneben die zukünftigen Regierungsgebäude.

Nach einer kurzen Pause geht es weiter mit dem Kulturprogramm. Am Uniwermag vorbei geht es zum Fluss Esil, in dessen Nähe wir zufällig auf einen interessanten Park stoßen, worin sich so etwas wie aus Holz geschnitzte Totempfähle befinden. Der Fluss selber ist noch zugefroren, einige Eisfischer versuchen ihr Glück. Am Ufer des Esil steht auch eine neu gebaute Moschee. Einen reizvollen Kontrast bilden die alten Holzhäuser vor den Betonplattenneubauten. Auf dem Rückweg statten wir dem Uniwermag noch einem Pflichtbesuch ab, um unsere Vorräte zu ergänzen. Das Angebot ist sehr umfangreich, es gibt nahezu alles zu kaufen. Im zweiten Stock werden sogar für ein paar lumpige Tenge „Chot-Dog“ (russische Schreibweise für Hotdog) angeboten, wovon ich mir gleich zwei gönne.


Skulpturenpark in Akmola.
Wieder im Hotel treffe ich Udo, der für den Abend in einer Gaststätte Plätze reserviert hat. Um halb acht gehen wir dann zu der angeblich zweitbesten Gaststätte von Akmola mit Namen „Gannover“ (russische Schreibweise für Hannover). Wir geben unsere Jacken an der Garderobe ab und betreten einen großen Saal. In der Gaststätte befindet sich außer einer Gruppe von ca. 10 Personen niemand. Hinter der Tanzfläche und neben einer kleinen Band ist für uns ein Tisch gedeckt. Ein Gitarre spielender Russlanddeutscher ist so freundlich und übersetzt uns die Speisekarte. Ich bestelle Rindfleisch, Kartoffeln, Pellmeni und Orangensaft. Die Band fängt mit einem Höllenlärm an zu spielen, eine Unterhaltung ist somit unmöglich. Wegen der deutschen Gäste werden auch ein paar Stücke auf deutsch vorgetragen unter anderem „Ein Jäger aus Kurpfalz“. Um dieser, doch etwas peinlichen, Situation ein Ende zu bereiten, verkneifen wir uns nach dem dritten Stück den Applaus, den einige Gäste verlassen bereits den Saal.

Als nach über einer Stunde das Essen kommt, geht das Licht aus und ein interessantes Varieté Programm beginnt, wo vom Bauchtanz bis zum Striptease alles geboten wird. Die Gäste haben doch nicht wegen der deutschen Volksmusik den Saal verlassen, sondern um zum Rauchen. Es handelt sich, wie ich wohlwollend zu Kenntnis nehme, um eine Nichtraucher-Gaststätte. Im Dunkeln stochere ich, abgelenkt vom interessanten Varieté-Programm, im Essen herum. Aber Hauptsache das Essen schmeckt. Im Nachhinein kann ich nicht mehr sagen was schärfer war, das Essen oder das gebotene Varieté-Programm.

Nach dem Essen bekommen wir die Rechnung präsentiert, die uns im ersten Moment doch schockt, fast 6000 Tenge. Davon 2000 Tenge für das Varieté-Programm. Umgerechnet sind es zusammen dann aber doch nur ca. 20,- DM für jeden. Wieder im Hotel wird gleich die Nachtruhe angetreten, ist es doch bis China die letzte Nacht im Hotel.


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