Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Mittwoch den 26.03.1997 - Der 5. Tag - Kasachische Steppe

Zumindest vom Wetter her beginnt dieser Tag so, wie der letzte geendet hat mit vielen Wolken, einziger Unterschied, es regnet noch dazu.

Der Zug durchfährt einen großen Rangierbahnhof, an dessen Ende sich ein großer Lokfriedhof anschließt. Über 50 Elektroloks des Typs WL rosten vor sich hin.

Der erste Halt seit Tagesanbruch ist in Kartaly 1. Der Zug hält wie gewohnt auf Gleis 1 am Hausbahnsteig. Obwohl wegen des Lokwechsel der Zug 8 Minuten hält, steige ich nicht aus, während Udo bereits die neue Lok inspiziert. Es scheint nicht mehr ganz so kalt wie vor ein paar Tagen zu sein. Schnee (Altschnee) jedoch liegt noch reichlich, wenn es auch keine geschlossene Schneedecke mehr ist. Der Zug macht hier keinen Richtungswechsel, wie zu erst vermutet, sondern fährt in einer großen Schleife um die Stadt herum.

Nun müssen wir ein weiteres mal die Uhr eine Stunde vorstellen und befinden uns nun zwei Stunden vor der Moskauer Zeit.


Ein typisches Abteil
kasachischer Mitreisender im
D 198 nach Akmola.
In der Nähe des kleinem Bahnhof von Aksu überqueren wir endgültig die Grenze nach Kasachstan. Auch hier gibt es weder Kontrollen noch Grenzbefestigung. Das hat jedoch zur Folge, dass wir Russland ohne Ausreisekontrolle verlassen haben und somit noch das halbe Visum besitzen.

Nach ca. 2 Stunden erreichen wir Tobol. Bei der Einfahrt befindet sich rechts ein großer Rangierbahnhof und links das Lokomotivdepot. Wie immer hält der Zug am Hausbahnsteig. Es ist ein kleines Empfangsgebäude und auf dem Bahnsteig stehen wieder viele Verkäuferinnen. Es wird viel Gepäck ausgeladen welches von Männern mit mongolischen Gesichtszügen direkt in Autos verladen wird, die der Einfachheit halber bis direkt an den Zug gefahren wurden. Erneut wechselt der Zug die Lok und wieder ist es eine WL 60, diesmal allerdings mit einer himmelblauen Lackierung.

Wenige Minuten nach Verlassen des Bahnhofes beginnt die kasachische Steppe. Kein Strauch, kein Baum und keine Bodenwelle behindert die Sicht bis zum Horizont. Nur die nicht mehr ganz geschlossene Schneedecke blendet ein wenig. Die Strecke ist zweigleisig und im Takt der 25 m Schienen geht es weiter Richtung Osten.

Nächster Halt – Kuschmurun. Wieder so ein typischer Bahnhof mit nur einem Bahnsteig direkt am kleinem Empfangsgebäude und Dutzenden von Frauen, die etwas verkaufen wollen. Eine kleine Frau mit einer großen Kelle erteilt dem Zug den Abfahrauftrag. Bei der Ausfahrt sind links zwei Reihen abgestellter Dampfloks zu sehen und in dem anschließendem Depot befindet sich sogar noch eine Heizlok im Einsatz.

Die Landschaft ändert sich, es sind wieder einige Bäume zu sehen. Peter und Ewald gehen mal wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung nach; Essen, Schlafen, Essen usw.

Als wir am Nachmittag den Bahnhof von Esil erreichen ist es schon wieder dunkel. Auf dem Bahnsteig ist nicht viel los, nur durch ein monotones Pfeifen, welches nicht von der Lokomotive kommt, wird die Ruhe gestört. Das war aber eine kleine Zeitzone, denn wir müssen die Uhr erneut eine Stunde vorstellen.

Nach dem Abendessen kommen wir um 18.52 Uhr (MZ) nach Atbasar dem letzten Bahnhof vor Akmola. Hier verlassen uns Marina und Andreas aus Oftersheim, auch sie werden bereits von Angehörigen erwartet. Überrascht stellen wir fest, dass sich der Himmel aufgeklärt hat. Nun ist auch wieder der Komet zu sehen. Pünktlich fährt der Zug weiter, die letzten 229 km bis Akmola.

Dieser Abschnitt hat es aber in sich, nicht außerhalb, sondern innerhalb des Zuges. Natascha weigert sich weiterhin hartnäckig, sich beim Staubsaugen in ihrem rotem Kimono fotografieren zu lassen. Als dann auch noch Peter um Hilfe ruft ist die Aufregung perfekt. Er hat sich auf der Toiletten eingesperrt und bekommt nun die Tür nicht mehr auf. Selbst nachdem alle Schrauben und Abdeckbleche entfernt werden, lässt sich die Tür nicht öffnen. Nach fast einer Stunde und der Hilfe des Prowodnik aus dem Nachbarwagen ist die Geduld am Ende, die Tür wird eingetreten. Allerdings für Peter so überraschend, dass er sie genau vor den Kopf bekommt.

Vorbei an langen Reihen abgestellter Elektroloks erreichen wir nach 4952 km seit Berlin mit nur 9 Minuten Verspätung um 22.57 Uhr Moskauer Zeit und 157 Uhr Ortszeit den Bahnhof von Akmola.

Akmola, die zukünftige Hauptstadt von Kasachstan, hat ca. 300 000 Einwohner.

Auf dem Bahnsteig werden die Reisenden bereits von vielen Menschen erwartet. Wir steigen aus und versammeln uns auf dem Bahnsteig, wo ich kurz darauf von Frau Dariga Kamzebaewa auf deutsch angesprochen werde. Sie ist die Direktorin des örtlichen Intourist Büros. Wir gehen mit ihr zu dem Bus, der vor dem Bahnhof auf uns wartet. Dort sind einige Frauen damit beschäftigt, um 2 Uhr Nachts ein Blumenbeet zu jäten. In einem kleinem klapprigen Intourist Bus erreichen wir nach knapp 10 Minuten Fahrt das Hotel Ischim. Da alle nur noch schlafen wollen geht das Einschecken schnell. Ich nehme zusammen mit Udo das Zimmer Nr. 16. Der Gedanke an ein „stehendes“ Bett lässt mich sofort einschlafen.


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