Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Dienstag den 25.03.1997 - Der 4. Tag - Kasachstan in Kasachstan


Wer möchte hier schon Tot
über'n Zaun hängen.
Straßenszene bei dem Ort
Uralsk.
Sowohl der Ural als auch die kasachische Grenze liegen bereits hinter uns, als ich gegen acht Uhr den neuen Tag beginne. Draußen ist es stark bewölkt und kalt, die Landschaft ist flach und schneebedeckt. Spätestens seit Osinki wird der Zug von einer Diesellok gezogen.

Kilometer 225, von uns völlig unbemerkt überqueren wir zum ersten Mal die russisch/kasachische Grenze ohne Kontrollen und ohne jedweder Grenzbefestigung.

Nächster längerer Halt ist in Uralsk, welches wir sogar 15 Minuten zu früh erreichen. Auf dem Bahnhofsplatz streiten sich drei Hunde um einen Knochen. Auf dem Bahnsteig versuchen die Einheimischen sich durch den Verkauf von Fisch, Brot, Milch, Bier, Limonade und anderen Dingen etwas Geld hinzu zu verdienen. Auf den Nebengleisen stehen mehrere Reihen abgestellter Güterwagen, an denen bereits zahlreiche Bretter zum Heizen entwendet wurden. An der Zugspitze bekommen wir nicht nur eine neue 2TE10M, sondern auch einen neuen Wagen mit Gittern vor den Fenstern beigestellt (Gefangenentransport oder Gefahr durch Steine werfende Kinder ?). Ein Milizionär weist uns freundlich darauf hin, dass wir doch besser nicht fotografieren sollten.

Nach der Abfahrt bietet sich uns ein trostloses Bild, nur langsam kommt der Zug in Fahrt, vorbei geht es an den Slums von Uralsk. Holzhäuser alt, schief und halb versunken säumen den Bahndamm, dazwischen unbefestigte Wege mit Bergen von Schnee und Schneematsch. In regelmäßigen Abständen eine Fernheizleitung, die das Ganze nicht gerade verschönert. Hier möchte ich wirklich nicht nachts „tot über’n Zaun hängen“. Die mit Abstand ärmlichste Gegend, die ich bisher gesehen habe. Wer dies gesehen hat, wird verstehen können, warum so viele Russlanddeutsche hier weg möchten. Da nützt es auch wenig, falls sie selber vielleicht das schönste Haus in der ganzen Umgebung haben, wenn rund herum alles verkommt.

Die Bahnlinie ist eingleisig und in einem nicht besonders guten Zustand. In der kleinem Betriebsstation Pepel kreuzt uns ein Zug aus Tadschikistan mit fehlenden Türen und Fenstern. Wenig später überholt uns noch ein mongolisch aussehender Gleisbautrupp.

Peter versucht unterdessen, den reisenden Damen aus Abteil 5 Mau-Mau beizubringen.

In einer anderen Kreuzungsstelle begegnet uns ein Zug von Almaty nach Moskau, der aus hellblauen Wagen besteht, die alle einen sehr gepflegten Eindruck machen.

Nur 10 Minuten später hält der Zug erneut, in dem Bahnhof wonach das ganze Land benannt wurde – Kasachstan. Sowohl hier als auch auf allen anderen Bahnhöfen Kasachstans, sind die Bahnhofsschilder zweisprachig ausgeführt, in russisch und kasachisch. Wahrscheinlich um Irrtümer zu vermeiden, und damit niemand das Land Kasachstan für einen Stadtstaat hält, geht man hier gleich einen Schritt weiter und nennt die Stadt zukünftig Aksaj. Es ist ein sehr kleiner Bahnhof, unser Zug kommt am Hausbahnsteig zum Stehen. Der Bahnsteig ist auch hier wieder mit Dutzenden von Frauen bevölkert, die Lebensmittel an uns Reisende verkaufen möchten. Ich habe noch genug Vorräte dabei und mache von dem Angebot kein Gebrauch. Zum Mittagessen gibt es bei mir diesmal; Kartoffel-Gemüsesuppe dazu Salami und Brot mit Leberwurst.

In Tschingirlau haben wir Kreuzung mit einem zweiachsigen Triebwagen, der ca. 30 Personen Platz bietet. Er würde sich hervorragend für Streckenbereisungen eignen und wird scheinbar von der örtlichen Bahnmeisterei hierfür genutzt.

Genauso unbemerkt wie wir in Kasachstan eingereist sind, verlassen wir es hier (vorerst) wieder. Weiter geht es durch eine total menschenleere Gegend. Bis zum Horizont ist nichts als eine flache, Baum- und strauchlose Wüste zu erkennen, die durch den Schnee und die starke Bewölkung noch trostloser wirkt.


Sauberkeit ist auch in den
kasachischen Schlafwagen
oberstes Gebot - 2x täglich
wird gesaugt.
Fast 1 ½ Stunden benötigt der Zug für die 67 km bis Ilezk. Der Zug hält direkt am großen Hausbahnsteig, auf dem eine große silberne Leninstatue thront und dessen Sockel vom örtlichen Fanclub wohl erst kürzlich in frischem leuchtendem Rot gestrichen wurde. In der Umgebung des einstöckigen Empfangsgebäudes herrscht ein wildes Durcheinander: Berge von Schlamm, Schneematsch und große Pfützen zieren das Umfeld. Der Versuch ein Foto von der neuen Zuglok zu machen, scheitert Ein Milizionär weist uns freundlich (?) aber bestimmt darauf hin, dass wir den Zug nicht fotografieren sollen.

Nach erfolgtem Fahrtrichtungswechsel geht es mit einer halben 2TE in Richtung Norden nach Orenburg. Haben wir von der Überquerung des Ural als Gebirge in der letzten Nacht nichts gesehen, so können wir kurz vor Orenburg wenigstens der Überquerung des Ural als Fluss beiwohnen.

Es dämmert, als der Zug fast 15 Minuten zu früh langsam in den Bahnhof von Orenburg rollt. So ergibt sich ein Aufenthalt von 45 Minuten, der von fast allen zu einer Besichtigung des Bahnhofes genutzt wird. Der Zug steht wie in fast jedem Bahnhof am Hausbahnsteig. Es ist ein großer Bahnhof, dessen Gleisanlagen auch wieder elektrifiziert sind. Zahlreiche Elektritschkas erschließen das Umland. Viele Menschen sind unterwegs, hier verlassen auch die ersten Reisenden unseren Wagen, darunter unter anderem eine Familie aus Soltau, die auf dem Bahnsteig schon freudig von Angehörigen erwartet wird. Auch die halbe Portion von Diesellok hat den Zug verlassen, eine WL 60 übernimmt den Zug für den nächsten Abschnitt.

Währenddessen ist es sehr dunkel geworden so dass Aufnahmen nur noch mit Stativ möglich sind. Entgegen den Erfahrungen von Ilezk kümmert sich hier niemand um uns Fotografen. Mit 8 Minuten Verspätung verlässt der Zug Orenburg in die Nacht.

Nach einem Abendessen mit Hilfe des Samowar, statte ich Leo und Tobias einen Hausbesuch ab. Obwohl diese Tour noch nicht beendet ist, werden schon die nächsten Pläne geschmiedet, wo man den noch so mit dem Zug hinfahren könnte: Saigon, Pjöngjang, Petschenga etc.. Um 2340 Uhr müssen wir dann doch die Traumreisen beenden, denn Marina und Alexander wollen schlafen, dem schließen wir uns an.


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