Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Montag den 24.03.1997 - Der 3. Tag - Treffpunkt: Saratow

Nach kurzer Nacht weckt mich um 8.00 Uhr die Sonnenscheibe, die sich gerade über den Horizont schiebt. Erste Strahlen stehlen sich durch die Jalousie und werfen wechselnde Bilder in das Abteil. Die Landschaft ist flach und mit Schnee bedeckt. Es muss kalt sein, denn selbst die Flüsse sind unter einer dicken Eis- und Schneeschicht begraben. Von den Verlorengegangenen fehlt auch weiterhin jede Spur.

Udo wartet schon im Gang, um mir die Ereignisse der vergangenen Nacht mitzuteilen.

„Um 2.58 Uhr hat der Zug den Bahnhof von Michnewo durchfahren und eine Stunde später erreichte der Zug bei Woskresensk die Hauptstrecke Moskau – Rjasan. Auch hier befindet sich ein großer Rangierbahnhof, der Zug steht in Richtung Moskau, müsste also eigentlich die Fahrtrichtung wechseln. Statt dessen geht es in dieselbe Richtung weiter, der Zug überquert auf einer Brücke die Hauptgleise nach/von Moskau, um dann nach 22 Minuten und dem Durchfahren einer riesigen Schleife auf die andere Seite desselben Rangierbahnhofes zu gelangen.“

Mitschurinsk – Kopfbahnhof: Lok-/ Fahrtrichtungswechsel. Die Sonne scheint, was liegt da näher, als die Zeit für eine Inspektion des Zuges zu nutzen. Nach den Erfahrungen des Vortages aber bitte schön immer in Reichweite des Zuges. Der Kopfbahnhof ist nicht sofort als solcher zu erkennen, liegt das Empfangsgebäude doch nicht quer sondern längs der Bahnsteige. Genau genommen gibt es, neben dem Bahnsteig 1 am Gebäude, nur einen „richtigen“ Mittelbahnsteig, und auch dieser ist weder durch eine Über- noch Unterführung von Bahnsteig 1 zu erreichen, sondern nur direkt über das Gleis.

Vor dem Bahnhof gibt es endlich auch wieder einen dieser klassischen russischen Märkte zu sehen. Die Elektrifizierung endet hier, und so wird der Zug für die nächsten 261 km von einer 2TE116 gezogen.

Gegen Mittag erreicht der Zug Tambow. Bei der Ausfahrt sehe ich auf der linken Seite die Reste der ehemaligen strategischen Reserve bestehend aus Dampf- (ex. Br. 52) und Dieselloks (Br. 2TE+M62).

Landschaftlich bietet die Gegend wenig „Höhepunkte“, geht es doch fast ständig durch Mischwälder, mal mehr oder weniger mit Birken durchsetzt, ab und zu auch durch verschneite Datschen-Siedlungen und Felder.

In Rtischtschewo, wo unser Zug wieder von einer Elektrolok (TschS4) übernommen wird, beobachte ich zum ersten Mal, dass einige von uns am Fotografieren des Lokwechsels gehindert werden.

Ab hier kontrollieren ca. 10 bis 15 Eisenbahner in Zivil die Arbeit des Zugpersonals, wodurch unter anderem der Schwarzmarkt mit Fahrkarten unterbunden werden soll. Diese Kontrollen haben aber auch zur Folge, dass die beiden Plätze von Tobias und Leo weiterverkauft werden müssen, sollten sie in Saratow nicht wieder da sein. Ein Vater mit seiner Tochter warten schon darauf, die beiden Plätze ab Saratow einnehmen zu können.

Ich frage Marina, ob es in Saratow nicht ein deutsches Konsulat gibt, wo wir uns nach den Zweien erkundigen können. Sie erkundigt sich sofort bei den Reisenden nach einer Adresse in Saratow. Mit Erfolg, es gibt ein Konsulat und nicht einmal weit vom Bahnhof. Woraufhin ich beschließe, mit Marina den fast 4 Stunden dauernden Aufenthalt für einen Besuch dort zu nutzen.

Das Wetter hat sich in der Zwischenzeit verschlechtert. Hin und wieder setzt Schneefall ein. Als wir uns Saratow nähern, ist es dunkel geworden und hat stark angefangen zu schneien. Pünktlich rollt der Zug in den hell erleuchteten Bahnhof.

Ich mache mich mit Marina fertig, um sofort nach der Ankunft das Konsulat aufzusuchen. Genau in dem Augenblick höre ich laute Stimmen von dem anderen Ende des Wagens. Es ist kaum zu glauben: Wer kommt mir im Wagen entgegen: Leo und Tobias ! Sie werden unter großem Jubel und Anteilnahme der anderen Reisenden empfangen, alle im Wagen sind erleichtert, dass sie wieder da sind. Von Leo bekomme ich dann folgende Story zu hören:

„Grundsätzlich entferne ich mich im Ausland nie von den Zügen, um ggf. aufspringen zu können. Hier machte ich eine Ausnahme, was sich als Fehler erweisen sollte. Ich ging über eine Brücke, die die Gleisanlagen überspannt, als ich sah, dass sich der Zug bewegte. Zunächst glaubte ich an eine Rangierbewegung, aber die Geschwindigkeit nahm zu. Nachdem ich von der Brücke herunterkam traf ich Tobias, der auch dem Zug nachsah. Auf dem Bahnsteig entstand Unruhe, denn die Leute sahen, was geschehen war. Eisenbahnpersonal war nicht zu sehen.

Wir wendeten uns sofort an die Miliz, die aber einige Gefangene betreute und sich nicht für unser Schicksal interessierte. Auf dem Bahnhofsvorplatz versuchten wir eine Taxe zu bekommen, um den Zug einzuholen. Die Verhandlungen waren schwierig, da natürlich gegenseitig kein wirklicher Austausch möglich war. Die Geldforderung schien unverschämt, aber wir befanden uns in einer Notlage. Der Taxifahrer übergab uns noch in der Stadt an einen anderen Autofahrer, der über ein besseres Fahrzeug verfügte.

In schneller Fahrt, 120 km/h, natürlich ohne Gurte, ging es über die Strassen Weißrusslands. Vor der Grenze zwischen Weißrussland und Russland stauten sich viele LKW, die unsere Weiterfahrt behinderten. Der Fahrer versuchte zwar an den LKW links vorbeizufahren, aber es kostete viel Zeit. In Smolensk angekommen stellten wir dann fest, dass der Zug leider schon wieder abgefahren war. Ein „Gespräch“ mit den dortigen Eisenbahnmitarbeitern ergab, dass der Zug wieder in Wjasma halten sollte, um die Lokomotive zu tauschen. Vor dem Bahnhof verhandelten wir erneut mit Taxifahrern, die auch hier unsere Notlage erkannten, was den Preis nur erhöhte. Wir sagten jedoch, dass unser Geld im Zug ist, und wir auch erst am Zug bezahlen könnten.

Die Autobahn nahm uns wieder auf. Die Hoffnung stieg, den Zug erreichen zu können. Am Bahnhof in Wjasma erfuhren wir jedoch, dass der Zug vor ca. 15 Minuten abgefahren war. Wütend verzog sich der Taxifahrer, da wir ihn nicht bezahlen konnten. Bei uns stellte sich nun Resignation und Verzweiflung ein, denn es war dunkel und sehr kalt. Der Schnee lag immerhin einige Zentimeter hoch.

Auf dem Bahnhofsvorplatz sprach ich einen Russen an, der etwas Deutsch verstand und auch sprechen konnte. Er war als Soldat in der DDR gewesen. Ein Bekannter von ihm bot an, dass er uns gegen Bezahlung nach Moskau, ca. 300 km, fahren würde. Wir hatten inzwischen beschlossen, dass wir von Moskau nach Saratow fliegen wollten, um den Zug zu überholen.

Unser neuer Freund lud uns zunächst in seine Wohnung ein, die in einem Militärcamp lag. Er war nämlich Offizier der russischen Armee. In der Wohnung wurde uns Essen angeboten. Wir waren dafür sehr dankbar, denn seit wir den Zug verlassen hatten, gab es kein Essen und keine Getränke. Unser Gepäck war natürlich im Zug.

Während der Nachtstunden machten wir uns auf den Weg nach Moskau. Die Heizung des Wagens kam kaum gegen die Kälte an. Am ersten Flughafen, Wnukowo, stellten wir fest, dass von dort kein Flugzeug nach Saratow fliegen würde. Also mussten wir den Flughafen Domodedovo anfahren. Von dort sollte ein Flugzeug um 9.00 Uhr abfliegen. Probleme gab es mit der Bezahlung der Flugkarten, da erst um 8.00 Uhr der Wechselschalter öffnete. Eine freundliche Dame von der Verwaltung des Flughafens half uns. Sie führte uns vor dem Abflug an sämtlichen Kontrollen vorbei, einschließlich der Sicherheitsüberwachung!

Etwa um 9.10 Uhr hob die Maschine vom Boden ab. Nach der langen Reise hatte ich das Bedürfnis, eine Toilette aufzusuchen, die man normalerweise in einem Flugzeug vermutet. Sie war zwar auch vorhanden, funktionierte aber nicht. Ich benutzte sie zwangsläufig dennoch. Die weitere Benutzung war danach nicht mehr möglich. Wir hofften, dass die sicherheitsrelevanten Bereiche der Maschine wenigstens funktionieren würden.

Um 11.00 Uhr landete das Flugzeug auf dem tief verschneiten Flughafen von Saratow. Räumfahrzeuge bemühten sich darum, die Start- und Landebahn frei zu halten.

Während der Abfertigung in Moskau hatte ich deutsch sprechende Passagiere wahrgenommen, die ich im Flugzeug aufsuchte. Im Gespräch erläuterte ich unsere Situation. Es stellte sich heraus, dass es sich um zwei Herren der Firma Bayer handelte, die ein Chemiewerk in Saratow besichtigen wollten. Die beiden hatten auch einen Dolmetscher dabei. Nachdem sie unsere „Geschichte“ hörten, erklärten sie sich spontan bereit, uns zu helfen. Wir konnten z.B. mit einem Kleinbus in die Stadt fahren und uns in ihrem Hotel aufhalten. Außerdem schenkte man uns eine Probepackung Aspirin C.

Die „Bayergruppe“ nahm uns bis zum Bahnhof mit. Dort verabschiedeten wir uns und bedankten uns für die Hilfe.

Tobias und ich erkundeten, bei ständigem Schneefall, die Innenstadt von Saratow. Wir trafen auf Soldaten der russischen Armee, die man als Schneeräumkommando eingesetzt hatte. Nach einiger Zeit machte sich die Kälte und der Schneefall unangenehm bemerkbar und wir suchten im Bahnhof nach einem Warteraum, um die Zeit bis zum Eintreffen des Zuges zu überbrücken.

Während der Erkundung des Bahnhofs stießen wir auf einen Schalter, an dem vermutlich „höherwertige“ Fahrkarten verkauft werden sollen. Wir erzählten einem Bahnmitarbeiter von unseren Erlebnissen und hatten den Eindruck, dass er uns zum Ausgleich helfen wollte. Er bot uns einen sehr gut ausgestatteten Raum, Ledersofa und andere Möbel, als Warteraum an. Nach einiger Zeit erschien mit flottem Hüftschwung eine weitere Mitarbeiterin und fragte nach unseren Getränkewünschen. Wir bestellten zwei Orangensäfte, die wiederum hüftenschwingend serviert wurden.

Einige Zeit später wurde die zweite Runde bestellt. Vom Fenster des Raumes hatten wir einen sehr guten Ausblick auf die Gleisanlagen.

Etwa um 18.00 Uhr wollten wir dann den Raum verlassen und uns für die unkonventionelle Hilfe bedanken. Mit Überraschung nahmen wir zur Kenntnis, dass uns der nette Bahnmitarbeiter eine nicht ganz niedrige Rechnung überreichte (Nutzung eines VIP-Raumes). Auf eine Diskussion ließen wir uns nicht ein, sondern bezahlten die Getränke und ließen den „freundlichen“ Russen in seinem Büro zurück.

Mit langsamer Fahrt rollte unser Zug, den wir 28 Stunden vermissten, in den Bahnhof Saratow ein.“

Für wahr, wer eine Reise tut, der kann etwas erzählen.

Nachdem sich alle wieder beruhigt haben, beschließen gegen 21.00 Uhr Ewald, Michael und ich, uns doch noch etwas im und um den Bahnhof um zusehen. Unser Kurswagen wurde inzwischen zusammen mit den anderen Wagen nach Akmola in die Abstellgruppe geschoben. So müssen wir erst einige 100 Meter über die verschneiten Gleisanlagen wandern, um den eigentlichen Bahnhof zu erreichen. Ewald filmt einen durchfahrenden Güterzug aus dem uns einige mitfahrende Soldaten „freundlichen“ zuwinken.

Im Bahnhof ist trotz der späten Stunde noch der „Bär“ los. Ich möchte mir eine Limonade kaufen, der Preis von 15 000 Rubel für 2 Liter ist mir aber viel zu teuer, zumal ich auch nur noch 10 000 Rubel habe. Vor dem Bahnhof kostet dieselbe Limonade nur noch 11 000 Rubel, mir aber immer noch zu teuer und siehe da, am Ende des Bahnhofsvorplatzes kostet sie nur noch 10 000 Rubel – da schlage ich zu. Auf dem Rückweg zu unserem Wagen gehen wir wieder durch das Bahnhofsgebäude. Wo kurz darauf ein Mann mit einem Megaphon herum rennt und etwas in die Halle ruft, worauf die Läden schließen und die Menschen sich zu den Ausgängen begeben – Sperrstunde ? Wieder zurück in unserem Wagen erfahre ich von Marina, dass es einen Gasalarm gegeben hat.

Um 22.15 wird unser Wagen zusammen mit den anderen an den Hauptzug aus Kiew rangiert und mit wenigen Minuten Verspätung verlassen wir wieder vollzählig den Bahnhof von Saratow. Ab jetzt ist wieder meine volle Aufmerksamkeit gefordert, denn nach 2770 km von Berlin gibt es endlich für mich wieder Neuland zu sehen, steht doch als nächstes die Überquerung der Wolga bevor. Nach einer knappen ½ Stunde ist es dann auch soweit, auf einer großen eingleisigen Stahlfachwerkbrücke rumpelt unser Zug über die nicht zugefrorene Wolga.

Mit einem gemütlichen Abendessen beschließe ich den Tag. Lediglich für Udo endet der Tag mit etwas gemischten Gefühlen, hat er doch sein Notizbuch (Gehirn) mit allen Loknummern, Istfahrzeiten und sonstigen bahnspezifischen Aufzeichnungen seit der Abfahrt in Berlin im Schnee auf dem Bahnsteig verloren. (Das sind Probleme !)


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