Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Sonntag den 13.04.1997 - Der 23. Tag - Der längste Tag des Jahres!

Sieben Uhr, ein letztes Mal klingelt der Wecker, aber erst um viertel vor Acht entschließe ich mich aufzustehen.

Ich packe meine Sachen zusammen und dusche anschließend. Gegen halb neun gehe ich mit Udo, Lars und Olaf in die Peking Road zu Mc. Donald frühstücken. So früh ist es ungewöhnlich ruhig auf den Strassen, kein Vergleich zu dem pulsierendem Leben von gestern Abend. Eine Stadtreinigungskolonne ist damit beschäftigt, die Spuren der letzten Nacht zu verwischen.

Frühstücken bei Mc. Donald scheint beliebt zu sein, sind doch fast alle Plätze belegt. Einer Umfrage zufolge befinden sich die 4 Umsatzstärksten Mc. Donald Filialen der Welt in Hongkong, welches ich anhand meiner Beobachtungen bestätigen kann, es gibt fast in jeder Strasse eine.

Nach der Rückkehr habe ich noch eine Stunde Zeit meinen Rucksack flugtauglich zu verpacken. Dann ist es so weit, es heißt Abschied nehmen von Frank Mody und seinem kleinem originellen Guesthouse.

Nach Udos Angaben fährt an der Ecke von Mody- Chatham Road alle 12 Minuten ein „Airbus“ zum Internationalen Airport Kai Tak. Und richtig, nur wenige Minuten später kommt ein kleiner 16sitziger „Airbus“. Der Fahrpreis beträgt 12,30 HK$ und auch hier gilt „Exakt fare please“. Der Bus ist nicht sehr voll, keine 10 Minuten später sind wir am Flughafen.

Flug LH 731 nach Frankfurt/M. wird auf den Monitoren bereits angezeigt aber noch ohne Gate. Noch sind es ziemlich genau 2 Stunden bis zum Start. Erst mal einchecken um das Gepäck loszuwerden und die Plätze zu sichern. Der für uns zuständige Abfertigungsbereich liegt natürlich, wie könnte es auch anders sein, am anderen Ende des Terminals.

An den Countern der Lufthansa ist zu diesem Zeitpunkt noch überraschend wenig los. Damit alle Counter etwas zu tun haben, dürfen wir uns am Business Schalter einchecken. Während mein Gepäck noch so gerade im erlaubten Bereich bis 20 kg ist, ist die Tasche von Lars mit 28 kg doch etwas sehr schwer, aber auch diese wird akzeptiert.

Boarding Time ist 11.55 Uhr. Bleiben uns noch ca. 60 Minuten, ausreichend Zeit uns das Terminal ein wenig näher anzusehen. Die Tage des Flughafens Kai Tak mit seinem berühmten Landeanflug dicht über den Häusern von Kowloon sind gezählt. Weit draußen, westlich der Insel Lantau, entsteht mitten im Meer der neue Airport von Hongkong. Beim Blick auf den Flugzielanzeiger packt mich schon wieder das Fernweh: Vancouver, Tokio, Sydney, Mexiko City. Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann...

Gate Nr. 7 zeigt der Monitor für Flug LH 731, also auf geht’s. Die Ausreisekontrollen sind reine Routine, Depature Card ausfüllen Stempel in den Pass und die 100 HK$ als Flughafensteuer hingeblättert. Ohne die 100 HK§ zu bezahlen wird niemand hinaus gelassen!

Pünktlich um 11.10 Uhr sehen wir wie unsere Lufthansa Maschine aus Frankfurt/M. landet. Es ist eine Boing 747-400, das größte Passagierflugzeug am Himmel, sie trägt den Namen – „Dortmund“. Da fühle ich mich ja schon fast wieder wie zu hause.

Dafür, dass die Maschine „Dortmund“ heißt, hat sie mit „blau/weiß“ aber eigentlich die falsche Lackierung!

Es ist Boarding Time, aber nichts rührt sich, dann endlich, die Abflugzeit von 12.25 Uhr ist längst überschritten, dürfen wir an Bord. Wir haben die halbe Reihe 52 in Höhe des hinteren Endes des linken Flügels.

Es ist fünf vor eins, als die Boing langsam Richtung Startbahn rollt. Der Flugkapitän entschuldigt sich für die Verspätung, aber die Passagiere des Hinflugs hatten die Kabine in einem solch chaotischen Zustand zurückgelassen, dass das Bodenpersonal mehr Zeit als einkalkuliert zum Reinigen benötigt hat.

Er verspricht uns aber pünktlich in Frankfurt/M. zu landen. Kennt der eine Abkürzung?

Um Punkt 13 Uhr heißt es „Ready for take off“ mit einer Startgeschwindigkeit von 350 km/h und 360 t Abfluggewicht hebt der Jumbo ab.


Tian Shan Gebirge aus ca.
10.000 Meter Höhe.
Das Wetter über Hongkong ist nicht mehr so gut wie tags zuvor, so bleibt uns die Sicht auf die Skyline leider verwehrt. Nur wenige Sekunden nach dem Start sind wir in den Wolken.

Auf einem Monitor können wir grafisch unseren Flug verfolgen. Zunächst geht es nach Südost, drehen wenig später dann auf Nordwest. Der Flugkapitän meldet sich erneut und teilt uns mit, dass die Flugzeit nach Frankfurt/M. 11 Stunden und 55 Minuten betrage.

Ich empfinde es ja doch als ungerecht, und bin schwer deprimiert. Da haben wir uns alle Mühe gegeben, um nach 19 aufregenden Tagen Hongkong zu erreichen, und in nicht einmal einen halben Tag sind wir wieder zurück in Deutschland. Als wenn er uns mit dieser Nachricht nicht schon genug geschockt hat, setzt er gleich noch einen drauf, als er uns die Flugroute mitteilt. Von Hongkong über Kanton – Guilin - Chengdu – Urumqi – Almaty – Orenburg – Saratow – südl. Moskau – Berlin nach Frankfurt/M. Also praktisch genau die Route (von ein paar Abkürzungen abgesehen) die wir zuvor mit dem Zug gefahren sind.

Verrückt, weil die Maschine noch zu schwer ist (die Tasche von Lars ?) können wir unsre eigentliche Flughöhe von 10000 m noch nicht erreichen. Bedingt durch die niedrige Flughöhe wird der Jumbo von kräftigen Turbulenzen ordentlich durchgeschüttelt. Nur eine ¼ Stunde nach dem Start liegt Kanton hinter uns, und auch bis Guilin vergeht keine ½ Stunde. Jetzt endlich wird die Maschine ruhiger und hat ihre reguläre Flughöhe erreicht. Vermutlich wurde im Frachtraum aufgeräumt, und man hat Lars seine Tasche an die Luft gesetzt (?!).

Das ist der Augenblick, auf den ich schon lange gewartet habe, das Essen wird serviert. Wie wahrscheinlich bei fast allen Fluglinien besteht die Wahl zwischen Huhn und Rindfleisch ich entscheide mich für letzteres.

Vor Urumqi wirds interessant, die Wolkendecke reist auf. Tobias meint sogar vor Hami in der Wüste einen Zug auf der Strecke nach Urumqi erkannt zu haben. Beim Flug über Urumqi sind Eisenbahn und Bahnhof gut zu erkennen, ich mache ein Foto. Im Gegensatz zur Eisenbahn nehmen wir die direkte Route nach Almaty über das Tian-Shan Gebirge, dessen teilweise über 5000 m hohe schneebedeckte Gipfel gut zu sehen sind. Almaty verpasse ich, erst über der kasachischen Steppe sehe ich wieder hinaus. Der Flug über die kasachischen Steppe ist vom Flugzeug genauso eintönig wie vom Zug aus, entweder ist Schnee zu sehen oder Wolken in jeden Fall - weiß.

An der Redensart: „Die Zeit vergeht wie im Flug“ ist etwas wahres dran. Während wir über dem Ural wieder europäischen Luftraum berühren, ist es in Hongkong bereits 22.30 Uhr und in Deutschland erst 16.30 Uhr. Die Sonne steht noch hoch am Horizont, für mich der Moment die Uhr sechs Stunden zurück zustellen. So mache ich aus einem 24 Stunden Tag einen 30 Stunden Tag und damit den längste Tag des Jahres.

Die aktuellen Flugdaten in Höhe von Orscha (Achtung: Leo und Tobias kein Aufenthalt, bitte nicht Aussteigen!): Flughöhe 10600 m, Außentemperatur –63o Grad. Etwas frisch da draußen!

Kurz vor Minsk wird uns das Abendessen serviert, Möhrenauflauf mit Gemüse, Fruchtsalat, Brötchen, Pumpernickel und Kuchen. Hinunter wird das ganze erst mit Rotwein und anschließend mit Kaffee gespült.

An der Grenze bei Brest muss ein Buckel sein, erreichen wir mit 11900 m den absoluten Höhepunkt.

Nun geht es bergab, kurz vor (über) Lutherstadt-Wittenberg setzt unsere Boing zum Sinkflug auf Frankfurt/M. an.

Hinter Fulda sind wir so tief, dass ich mich wieder auskenne, parallel geht es zur Eisenbahnstrecke von Flieden nach Hanau. Bei Bad Soden Saalmünster überholen wir ganz locker „rechts“ einen ICE und kreuzen kurz vor Hanau eine Regionalbahn mit einer E-Lok Br.141 am Schluss.

Mit einer Landegeschwindigkeit von „nur“ 270 km/h und einem Gewicht von nur noch 260 t geht’s auf den Airport zu.

Toutch down, sogar 10 Minuten vor Plan (19.00 Uhr) setzt die Maschine in Frankfurt/M. auf. Nach ein paar Kurven haben wir unsern Parkplatz am alten Terminal erreicht.

Jetzt kann alles gar nicht mehr schnell genug gehen, die deutsche Hektik hat uns wieder.

Ich verabschiede mich von Leo und Tobias, die ihren Anschlussflieger nach Hamburg bekommen müssen, und gehe mit den anderen schnell durch die Passkontrolle. Weiter geht es die Treppe runter zum Gepäckband und mit Rucksack und Fototasche (Lars seine Tasche ist anscheinend noch da.) durch die nicht vorhandenen Zollkontrollen.


« zurück Inhaltsverzeichnis weiter »