Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Samstag den 12.04.1997 - Der 22. Tag - Sonne - Total

Auch wenn ich aus den genannten Gründen den Himmel nicht sehen kann, lässt doch ein kräftiger Schatten an dem Nachbarhaus nur einen Schluss zu: – Sonne total.

Und in dem Fall gibt es so viel zu tun, zu fotografieren, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Beim Frühstücken jedenfalls nicht, das entfällt ersatzlos.


Tram und Löwenbräu in den
Straßen von Hongkong
Island.
Fünf Minuten später stehe ich an der sonnenüberfluteten Uferpromenade von Kowloon, links das „Regent“ rechts das HK Kunstmuseum. Doping für die Sinne ist es, auf einer Bank zu sitzen und bei einer leichten Brise aus Richtung Westen dem geschäftigen Treiben im Victoria Harbour zuzusehen. Für das ungeübte Auge verläuft der Schiffsverkehr auf der Meerenge völlig chaotisch ab. Genau so wie in China der Straßenverkehr, Schlepper, Fischkutter, Segelboote, Dschunken, Motorbote, jeder scheint so zu fahren, wie es ihm gerade passt. Es gibt weder Links- noch Rechtsverkehr. Hart trifft es da vor allem die Schiffe der Star Ferry, die die Meerenge quer zur allgemeinen Fahrtrichtung passieren müssen. Ein Wunder, dass es da nicht öfters zu Karambolagen kommt.

Während ich so in Gedanken versunken dem Treiben zusehe, fällt mir ein, dass ich immer noch nicht die komplette Straßenbahn befahren habe. Also nichts wie los, rein in die nächste Star Ferry und rüber zur Queensway.

Kein anderes Verkehrsmittel in Hongkong ist, was Preis/Leistung angeht, besser für eine Stadtbesichtigung geeignet als die Tram. Es kommt Wagen 50 nach Chai Wan, dem östlichen Ende der Tram. Sie ist, wie alle anderen Trams auch, mit teilweiser ziemlich witziger Ganzwerbung versehen. Durch das Drehkreuz am hinteren Ende des Wagen geht es hinein. Die Frage, unten bleiben oder nach oben, stellt sich erst gar nicht. Wo schon kann ich im vorüberfahren in den ersten Stock der Häuser, auf Passanten und Autos herabblicken ? Also sofort über die Wendeltreppe nach oben, um es mir in der „Pole position“ bequem zu machen. Alle Seiten- und Frontfenster lassen sich öffnen, ideal zum Fotografieren und wohltuend bei den tropischen Temperaturen.

Dicht ragen links und rechts die Hochhäuser empor. Erst beim Victoria Park lichten sich die Reihen. Erste Grünanlagen sind zu sehen. Richtig leid kann mir ein Straßenarbeiter tun, der, um zu verhindern, dass der Schlauch gedrittelt wird, jedes Mal wenn eine Tram kommt, den schweren Presslufthammer zurück über Gleise und Strasse schleppen muss.

Entgegen der Beschilderung biegt der Wagen links zur Wendeschleife North Point (Chun Yeung Street) ab. Zu meiner Überraschung finde ich hier einen sehr belebten Marktplatz vor. Durch ständiges Klingeln muss sich meine Tram erst den Weg durch den Markt bahnen, was vermuten lässt, dass hier nicht allzu oft gefahren wird. Rechts, links und sogar auf dem Gleis stehen offene Bretterbuden, die alles mögliche und unmögliche zum Kauf anbieten. Vom Oberdeck meiner Tram habe ich eine gute Sicht auf die Dächer der Buden, die mit recht unansehnlichen Müllbergen bedeckt sind. Entweder wirft man den Müll von unten aufs Dach, oder aber dieser rieselt aus den umliegenden Wohnhäusern herab. Ganz nach dem Motto – aus den Augen aus dem Sinn. Es gehört eine ordentliche Portion Mut dazu, hier einzukaufen. Am Ende der Strasse, die hinter uns sofort wieder von den Händlern in Besitz genommen wird, bleibt die Tram stehen und außer mir steigen alle aus. Endstation ? Ich harre der Dinge, die da kommen mögen, aber es kommen keine. Nach vielleicht 10 Minuten geht’s weiter, wir biegen in die Tong Shui Road, wo der offizielle Zustieg ist. Weiter geht’s nach - links in die King‘s Road ? Demzufolge bin ich doch noch in der richtigen Tram nach Chai Wan.

Den erreiche ich ohne weitere Zwischenfälle nach exakt 3,9 km. Auch hier ist ein Markt, auf dem es allerdings etwas gesitteter zugeht.

Beim Fahrer bezahle 1,50 HK$, die ich in eine Art gläserne Sparbüchse werfe. „Exakt fare please“ wird offensichtlich nicht so genau genommen. Einmal bezahle ich mangels Wechselgeld 2,- HK$ ein anders mal 1,- HK$, im Schnitt kommt die Bahn wohl auf ihre Kosten. Vorschriftsmäßig steige ich vorne aus und nach einem Foto hinten gleich wieder ein.

Im „six pack“, das heißt es fahren gleich sechs Trams hintereinander westwärts. Ich bin in der vorletzten Tram und nur meine fährt zum Western Market. Spätestens an den Stationen haben sich alle sechs wieder eingeholt. Dann stehen sie so dicht hintereinander, dass ohne weiteres durch das geöffnete Fenster in die vordere umgestiegen werden könnte.

Bei der Bank of China bin ich wieder im Central District mit seinen Einkaufs- und Geschäftsviertel und seinen hoch aufragenden Palästen aus Glas, Stahl und Marmor. In der Voeux Road befinden sich unzählige farbenprächtige Leuchtreklamen, die weit über die Strasse hinausragen. Bei uns undenkbar, die Bauaufsicht würde rotieren.

Am Western Market steige ich um in den Wagen 50 mit Aji-No-Moto (Tütensuppen) Werbung: - Fahrtziel Kenneddy Town. Rechts liegt ein Straßenbahndepot, etwas weiter, wo sich vor nicht allzu langer Zeit noch eine Bucht befand, entstand durch Landgewinnung neuer Baugrund für Hochhäuser. Wie Stalagmiten scheinen die Hochhäuser in die Höhe zu wachsen. Der Bauboom beherrscht die Stadt.

Auffällig ist, je weiter ich mich vom Stadtzentrum entferne, um so seltener ist Werbung in lateinischer Schrift zu sehen. Wenig später rumpelt die Tram in die Catchick Street – Endstation.

Ich steige aus und beschließe, den Weg ins Zentrum zu Fuß zurück zu legen. Nicht zuletzt deswegen, weil ich nur noch ein 10,- HK$ Schein habe und mir das doch etwas viel für eine Straßenbahnfahrt ist.


Aussicht vom Victoria Peak
auf Hongkong Island und
den Victoria Harbour.
In der durch die hohen Gebäude eng wirkenden Strassen ergeben sich zahlreiche interessante Motive mit und ohne Tram. Von schwankenden Stangen an den Hauswänden tropft Wäsche Tropische Pflanzen krallen sich an kleine Balkone und es riecht nach chemischer Reinigung, Entenkot und gebratenem Reis. Kungfu-Videos und Kanton-Pop plärren im permanenten Dezibel-Wettstreit mit hämmernden und bohrenden Bauarbeitern, die wieder eine neuaufgerissene Lücke zwischen den wie Waben aneinandergeklebten Wohnungen mit Beton schließen. Am interessantesten sind sicherlich in der Nähe des Western Market die engen Nebengassen. Hier gibt es unzählige kleine Läden, die die verrücktesten Dinge anbieten. Unter anderem Haifischschwanzflossen, Algen, Muscheln, Tintenfische, Krabben und alle erdenklichen Fischsorten. Vieles wird gleich an Ort und Stelle zerlegt und zubereitet. Überall wird gebraten, gekocht, gebacken und anschließend direkt verkauft - frischer geht es nicht. Das alles vermischt sich zu einer, für empfindlichen Nase ziemlich abschreckenden Geruch. In den nobleren Restaurants werden, wie ich es ja bereits aus China kenne, große Aquarien und Terrarien mit lebenden Fischen, Hummern, Krebsen, Riesenmuscheln und Schlangen vorgehalten. Dort kann sich der Kunde das für seinen Geschmack beste Exemplar aussuchen und auf Wunsch nach Zubereitung verspeisen. Frischer gehts nun wirklich nicht. Ich wünsche guten Appetit!

An der Ecke Qeensway/ Voeux Road biege ich rechts in die Garden Road ab, um zu der Talstation der Peak Tram zu kommen. Inzwischen ist es Nachmittag und die Sonne weit genug herum, um mein Fotoglück erneut bei hoffentlich besserer Sicht vom Peak auszuprobieren.

Die Warteschlange ist noch etwas länger als gestern. Nach 20 Minuten sitze ich dennoch in der Peak Tram, einer 1989 modernisierten „Gliederstandseilbahn auf „russischer“ 1524 Spurweite. Die Fahrt mit der Peak Tram gilt als ein touristisches „Muss“ und spätestens wenn sich die Tram an einen Steilstück 45 % neigt, spätestens dann sind wirklich alle Touristen dieser faszinierenden Stadt „zugeneigt“.

Die 23,- HK$ haben sich wahrlich gelohnt: Zwar noch nicht perfekt, aber immerhin deutlich besser als tags zuvor. Niemand fährt nur zum Fotografieren auf den 440 Meter hohen Peak, wo man doch gerade in den letzten Jahren mit dem Peak Tower einen Restaurant- und Shopping Center gebaut hat, der seines gleichen sucht. Auf 7 Etagen wird einem alles geboten was Herz und Magen begehren. Interessant anzusehen aber auch sehr teuer. Nur die bekannte amerikanische Fast food Kette hat die gleichen günstigen Preise, wie überall in der Stadt. Nach 2 Stunden habe ich nicht nur genug von alledem sondern auch meinen ersten Sonnenbrand, ich fahre wieder abwärts.

Denn immer noch habe ich die Straßenbahn nicht komplett: die Runde durchs Happy Vally fehlt. Von der nächst gelegenen Haltestelle am Queensway nehme ich die erst beste Tram Richtung Happy Valley. Knapp daneben ist auch vorbei denke ich, denn statt nach rechts abzubiegen, geht es geradeaus weiter.

Beim nächsten Halt steige ich aus, um ein Stück zu Fuß an der Strecke entlang zu gehen. Länger als gedacht ist die Strecke am noch „Royal Jockey Club“ vorbei. Parallel zur Chung Road komme ich zu der wohl für Hongkong wichtigsten Einrichtung, dem Happy-Vally Race Course. Auf dieser 1845 erbauten und aufwendig restaurierten Rennbahn (Windhunde- Pferderennen etc.) wird an einem Tag mehr Geld verwettet als in Großbritannien in einem ganzen Jahr. Die Rennbahn, nach der die Tramlinie benannt wurde, wird von der Straßenbahn komplett umfahren. Heute jedoch ist Ruhetag auf dem Race Course; außer einigen Tennisspielern ist nichts los.


Hongkong bei Nacht.
Nachdem ich nun schon das halbe Happy Vally umgangen habe, gehe ich den Rest auch noch, um es mit der Befahrung dann von der anderen Abzweigstelle erneut zu versuchen. Beim zweiten Anlauf klappt‘s dann auch. Inzwischen ist es dunkel geworden. Rumpelnd fahre ich durch ein Lichtermeer aus Neonreklame.

Ist dies doch der letzte Abend in Hongkong, und irgendwie habe ich mich an dies quirlige, chaotische Durcheinander in den Strassen gewöhnt. Bei dem Gedanken, dass ich die nächste Nacht schon wieder zuhause verbringe, möchte ich gar nicht mehr zum Schlafen ins Guesthouse zurückkehren.

So nutze ich diese warme Frühlingsnacht, um ein letztes Mal über den Queensway, ein letztes Mal über die Nathan Road, ein letztes Mal über die Hanoi Road zu gehen und ein letztes Mal mit der schaukelnden Star Ferry den Victoria Harbour zu überqueren.


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