Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Donnerstag den 10.04.1997 - Der 20. Tag - Hongkong im Regen

Ausnahmsweise werde ich nicht vom Wecker geweckt, sondern von dicken Regentropfen, die gegen mein Fenster klopfen. Damit ist klar, dass aus dem Ausflug nach Macao heute nichts wird. Auch die Anderen können sich so richtig für nichts entschließen, und so wird erst einmal ausgeschlafen.

Es ist schon fast Mittag, als ich mich dann doch entschließe heute noch etwas zu unternehmen. Nur, was soll man in einer Stadt machen, in der es „Bindfäden“ regnet: Straßenbahn fahren, Metro fahren, oder Shopping gehen?

Vorerst nichts von alle dem. Das kleine Eisenbahnmuseum bei der Station Tai Po Market soll das erste Ziel heute sein. Zu Fuß geht’s zusammen mit Harald, Ewald, Peter und Michael zum KCR Bahnhof, an dem wir gestern angekommen sind.

Gut, dass viele Gehwege überdacht sind, so hält sich der Regen, den wir abbekommen in Grenzen. Wahrlich kein Aushängeschild ist der Fernbahnhof von Hongkong. Wenn es nicht dran stehen würde, dass dies der Bahnhof ist, könnte man ihn glatt übersehen, so unscheinbar versteckt er sich zwischen den ganzen anderen Neubauten.

Aber die fast im Minutenabstand auf dem Flughafen Kai Tak (noch) landenden Jets haben der Eisenbahn längst die Show gestohlen. Die große Zeit, als die Kronkolonie noch per Schiff und über die Eisenbahn an Europa angebunden war, ist im Jet Zeitalter vorüber. Unmittelbar neben dem Bahnhof liegt die Zufahrt zum Cross Harbour Tunnel, einer sechs spurigen Strasse, die den Victoria Harbour unterquert.

Äußerst fahrgastunfreundlich gestaltet sich der Kauf einer Fahrkarte. Tageskarten gibt es nicht und Einzelfahrscheine sind nur am Automaten erhältlich. Es gibt allerdings eine Art Mehrfahrtenkarte – ein Chip von dem pro Fahrt jeweils ein Teil des Guthabenkontingentes abgebucht wird. Es werden weder Geldscheine akzeptiert, noch wird Wechselgeld zurückgeben.

Nachdem es uns gelungen ist, den Schein zu wechseln und der Automat mit den passenden Münzen gefüttert ist, halten wir eine im Scheckkartenformat und auf der Rückseite mit Magnetstreifen versehene Karte in den Händen. Vor Betreten des Bahnsteiges wird das Ticket in einem rechts von dem Drehkreuz befindlichen Schlitz gesteckt und wenige Sekunden später, nach Passieren des Drehkreuzes, am anderen Ende wieder ausgegeben.

Auf Gleis 3 kommt der Triebzug der KCR zum Stehen, mit dem wir wenig später in Richtung Norden fahren. Fünfundzwanzig Minuten später sind wir in Tai Po Market. Auch hier wird zum Verlassen des Bahnsteiges das Ticket wieder in einen Schlitz gesteckt, aber nach passieren des Drehkreuzes nicht wieder ausgegeben, was mich als Fahrkartensammler ziemlich ärgert.

Viele Menschen sind unterwegs. Es gibt eine Menge Geschäfte und auch ein Mc. Donald, aber kein Hinweis, wie es zum Museum geht.

Nur weil wir gestern mit dem Zug daran vorbei gefahren sind, können wir in etwa abschätzen, wo es liegt. Durch enge Strassen, die eher an China als an Hongkong erinnern, sind wir 20 Minuten später am Eisenbahnmuseum. Der Eintritt ist zu unserer Überraschung frei. Selbst die Bezeichnung „kleines Eisenbahnmuseum“ ist noch übertrieben, eigentlich besteht es nur aus dem alten Empfangsgebäude und einigen Reisezugwagen. Interessant sind immerhin die alten Fotos von dem ehemaligen Bahnhof in Kowloon. Nach einer knappen Stunde kennen wir es fast auswendig.

Es ist schon so ein Problem, wenn man mit vier Leuten unterwegs ist, und jeder woanders gucken möchte. Um aber trotz des Regens heute noch etwas zu schaffen, entschließe ich mich, für den Rest des Tages alleine auf Tour zu gehen.

Mit der KCR fahre ich zurück bis Kowloon Tong, einem wichtigen Kreuzungsbahnhof von KCR und Maß Transit Railway (MTR), der Metro von Hongkong. Um mich, durchnässt vom Regen, trockenzulegen, gedenke ich, für eine Weile in den Untergrund abzutauchen.

Das U-Bahn Netz besteht nur aus 3 Linien und ist daher für eine Stadt dieser Größe ziemlich bescheiden. Allerdings sind diese drei Linien hervorragend ausgebaut und werden mit einer sehr dichten Taktfrequenz befahren. So dürfte es wenigstens kein Problem sein, innerhalb von wenigen Stunden das Metronetz abzufahren.

Zum Thema Sauberkeit könnte sich jede deutsche Stadt mehr nur als ein bloßes Beispiel nehmen. Auch findet man nirgendwo irgendwelche Typen mit einem Grinsen und „Give me mony please“ auf den Lippen.

Ansonsten ist aber auch die MTR nicht besonders fahrgastfreundlich; Tageskarten, wie sie bei jedem deutschen Verkehrsunternehmen die Regel sind, gibt es nicht.

Immerhin finde ich für 25 HK$ ein „Tourist Souvenir Ticket“, das hat aber nur den Vorteil das ich es nach Verlassen der Station behalten darf. Mit einem Trick, der schon bei der Moskauer Metro erfolgreich angewendet wurde, lässt sich aus einem Einzelfahrschein doch ein Tagesticket machen. Und zwar in dem man die Station erst wieder verlässt, wenn alle Linien befahren wurden. Denn beim Wechsel von einer Linie zur anderen muss kein neuer Fahrschein gelöst werden. Im Bereich der Kowloon Bay verläuft die U-Bahn sogar als „H-Bahn“ über der Stadt. Nicht nur von einer Strasse wird der Victoria Harbour unterquert, nein auch von der Metro Linie Tsuen Wan nach Central. Nicht einmal 4 Stunden dauert es, bis ich die Metro von Hongkong als befahren abhaken kann.


Skyline von Hongkong
Island bei Nacht.
Draußen regnet es immer noch. So verziehe ich mich gleich ins nächste Shopping-Building. Hongkong-Menschen sind hektische Menschen und ständig auf der Überholspur. Als die amerikanische Aufzugsfirma Otis wissen wollte, in welchen Städten der Knopf zum vorzeitigen Türenschließen am schnellsten gedrückt wird lag, Hongkong klar vorn: Hier wird ständig „Close“ gedrückt. Keine Sekunde verschwenden, auf dem Sprung sein, Zeit gewinnen – vor allem, wenn eine Frau mit Kind oder ein Krüppel um die Ecke biegt. Nach 2 Stunden habe ich die Hektik und die stickige Luft in den Konsumpalästen satt und mache mich auf den Rückzug zum Guesthouse.

Eigentlich ist aber der Abend viel zu schön, um ihn nicht in der City zu verbringen. Denn wenn sich etwas trotz Regen gut machen lässt, sind es Nachtaufnahmen.

Also noch einmal geht’s mit der Star Ferry rüber nach Victoria. In der Hennessy Road sind dann auch verstärkt durch die nassen Strassen recht effektvolle Aufnahmen möglich, welches Dank der vielen hellen und bunten Neonwerbung sogar ohne Stativ möglich ist. Trotz oder besser gerade wegen der späten Stunde sind die Strassen voller Menschen und Autos. Auffallend ist, dass es trotzdem ruhig recht gesittet zu geht und nicht wie in China, wo die Lautstärke über das Vorankommen entscheidet.

Quietschend kommt eine Tram um die Ecke, aber nicht irgend eine sondern die Nr. 28. Sie wird wegen ihres teilweisen offenen Oberdecks bevorzugt für Stadtbesichtigungen eingesetzt. Mit ihren vielen kleinen leuchtenden Glühbirnen sieht sie aus wie eine rollende Kirmesbude.

Zurück geht es wieder mit einem der Schiffe der Star Ferry, die immer gut besucht sind. Bietet sich von Ihnen aus doch gleichzeitig ein Blick auf das nächtliche Hongkong Island und Kowloon. Einfach aber praktisch sind die Holzbänke, deren Rückenlehne jeweils in die entsprechende Fahrtrichtung gestellt werden können. Von der ersten Bank bietet sich ein wunderbarer Blick auf die Skyline von Kowloon mit dem Uhrenturm und dem Cultural Centre.


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