Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Sonntag den 23.03.1997 - Der 2. Tag - Orscha 15:10 Uhr


Umspurhalle von Brest.
Die polnische Hauptstadt habe ich im Schlaf passiert, als mich um 4.05 Uhr in Terespol die polnische Grenzkontrolle aus den Schlaf reißt. Noch schlaftrunken halte ich meinen Reisepass hin, in der Hoffnung, dass die Kontrolle schnell vorbei ist. Die Kontrolle verläuft wie erwartet ohne Probleme, und nach 22 Minuten Aufenthalt verlassen wir Polen. Wenig später überquert der Zug den Grenzfluss Bug, am Horizont sind erste Zeichen von Dämmerung zu sehen, welche jedoch mit Sicherheit nicht darauf zurückzuführen sind, dass wir jetzt die Uhr um eine Stunde vorstellen müssen.

Kurz darauf hält der Zug im weißrussischen Grenzbahnhof Brest-Park. Auch hier verläuft, jedenfalls für uns, die Kontrolle ebenfalls ohne Probleme. Im Abteil 5 ist man unterdessen dabei, den Zoll mit harten amerikanischen Dollars zu bestechen, da das vorhandene Gepäck wohl doch den erlaubten Rahmen überschreitet.

Nachdem auch diese für uns vorerst letzte Grenzkontrolle überstanden ist, rollt der Zug mit ca. 30 Minuten Verspätung in den regelspurigen Teil von Brest Zentral, die sogenannte „Warschauer Seite“ des Inselbahnhofs. Wer nicht mit durch die Umspurung fahren will, kann jetzt noch aussteigen und sich bis zur Abfahrt im Breitspurteil die Stadt ansehen. Obwohl ich die Prozedur des Umspurens inzwischen schon fast auswendig kenne, mache ich sie noch einmal mit, zumal es draußen, auch wenn kein Schnee liegt, doch noch ziemlich kalt ist. Nachdem einige Reisende es sich doch nicht nehmen lassen und aussteigen, wird der Zug für die Umspurung vorbereitet.

Eine regelspurige Diesellok am Schluss zieht den Zug zunächst einige hundert Meter zurück, um ihn von dort in die Umspurhalle zu drücken. Zur Umspurung sind in der Halle drei Gleise vorhanden, wovon in der Regel aber nur zwei genutzt werden. Auf jedem Gleis finden vier von einander getrennte Wagen Platz.


Wagen der Kasachischen
Eisenbahn mit Zuglaufschild
Berlin - Zelinograd (Akmola).
Nachdem die Drehgestelle gelöst sind, werden die Wagen mit Hilfe von Schneckenzahnrädern an allen vier Enden um ca. 1,50 m in die Höhe geschraubt. Mit einer Spillanlage werden die Drehgestelle vom vorderen Ende der Halle nach hinten herausgezogen, wobei gleichzeitig die Breitspurdrehgestelle unter die Wagen rollen. Bei dem in der Halle verlegten Gleis handelt es sich nicht um ein Vierschienengleis, sondern um ein, wegen der nur 9 cm kleinen Differenz zwischen Breit- und Regelspur (je Seite also nur 4,5 cm), normales Zweischienengleis, welches so verlegt ist, dass sowohl Breit- als auch Regelspur- Drehgestelle es in der Geraden benützen können, ohne zu entgleisen. Noch bevor die Breitspurdrehgestelle ihren Platz gefunden haben und der Wagen wieder abgesenkt wird, können auch wir aussteigen und kommen so in den Genuss eines „wildromantischen“ Sonnenaufgangs in der Umspuranlage.

Nun werden die Wagen, nachdem sie wieder abgelassen und zusammen rangiert sind, in den Breitspurteil des Bahnhofs, die „Moskauer Seite“ , gezogen. Obwohl die Abfahrtzeit erreicht ist, wird jetzt erst einmal die Rangierlok gegen eine Streckenlok ausgetauscht. Für uns genügend Zeit, den Zug genauer zu inspizieren. Und so ist unsere Zugbildung ab Brest: TschS 4-472 als Zuglok, 1 Packwagen, 5 Wagen Brest – Saratow, 1 Speisewagen, 1 Warschau – Akmola und dann die Wagen ab Berlin.

Um 7.55 Uhr geht es dann aber endlich weiter. Jetzt kommt endlich Leben in den Zug. Es ist gerade mal zehn Uhr, als die Minibar - im Angebot ist Wodka, Kartenspiele, Zigaretten, Champagner etc. - aus dem Speisewagen schon zum dritten Mal bei uns vorbei kommt. Auch ein Buchverkäufer versucht, etwas an die Reisenden zu verkaufen.

Wegen der Verspätung von 30 min. lohnt es sich nicht in Minsk auszusteigen. Kurz nach der Abfahrt geht ein Eisverkäufer durch den Zug, bei dem wir uns ein Eis für 1,- DM oder 3500 Rubel kaufen. Kann einer sagen, was er will, die Versorgung im Zug ist wirklich optimal. Die Krönung ist, als uns wenig später von anderen Verkäufern neben Kinderspielsachen auch noch Madonnenbildchen zum Kauf angeboten werden.

Nach dem Mittagessen wird es ruhiger im Zug, und es bleibt ein wenig Zeit zu dösen. Inzwischen wurde von Tobias und Leo auch die Identität des mitreisenden Ehepaares geklärt: Sie heißt Marina und ihr Mann Andreas, und beide wohnen in Oftersheim bei Heidelberg. Sind aber jetzt auf dem Weg nach Atbasar, um ihre alte Heimat und Verwandte zu besuchen. Auch konnte inzwischen geklärt werden, wie unsere Schaffnerinnen heißen, die ältere Stanslawa und die jüngere Natascha.


Schicksalsbahnhof Orscha in
Weißrussland.
Orscha erreicht der Zug merkwürdigerweise wieder fast pünktlich, Abfahrt soll um 15.10 Uhr sein. Wir haben eine ganze halbe Stunde Zeit, um uns auf dem Bahnhof umzusehen. Wegen des schönen Wetters wird das auch, bis auf Harald, von allen genutzt. Zusammen mit Tobias und Leo gehe ich zu einer Fußgängerbrücke, von welcher wir eine gute Übersicht über die Bahnanlagen haben. Leo möchte noch einen Güterzug im hinteren Gleisbereich fotografieren, so gehe ich zusammen mit Tobias eine Treppe hinunter, die zum Lokomotivdepot führt. Das Lokomotivdepot hat vor kurzem sein 125-jähriges Bestehen gefeiert, wie es auf einem großen Schild zu lesen ist.

Während ich das Schild fotografiere, ruft Tobias mir zu, dass unser Zug rollt, er aber wahrscheinlich nur ein Stückchen vorzieht, um besser mit dem Schlauch die Wagen zu betanken. Zu dem Zeitpunkt stehe ich ungefähr 100 m vom Zug entfernt in Höhe des viertletzten Wagens. Obwohl es erst 14.52 Uhr ist, traue ich der Sache nicht und renne instinktiv in Richtung Zug. Da ich mich jedoch auf der vom Bahnsteig abgewendeten Seite des Zuges befinde, gehe ich den an mir langsam vorbei rollendem Zug in Richtung Zugschluss entgegen. Nachdem der letzte Wagen an mir vorüber gerollt ist, klettere ich auf den Bahnsteig. Inzwischen hat der Zug etwas an Fahrt gewonnen, so dass ich mich ein wenig beeilen muss, ihn wieder einzuholen. Dies gelingt mir, und am vorletzten Wagen angekommen ist sogar noch die Tür offen, ich zögere nicht und springe auf – geschafft. Dabei werfe ich fast, die in der Tür stehenden Schaffnerin um. Noch bevor sie etwas sagen kann bin ich auch schon wieder weg. Nur der Tatsache, dass die russischen Züge so langsam anfahren und es keine Türverriegelung gibt, ist es zu verdanken das ich den D 1249 noch erwischt habe.

Noch völlig außer Atem, wohl wissend, dass zumindest Tobias den Zug nicht mehr erwischt hat, renne ich durch den Zug. Mit der Befürchtung, dass auch andere von unserer Gruppe den Zug nicht bekommen haben, kämpfe ich mich von Wagen zu Wagen nach vorne. Der Zug hat seine Höchstgeschwindigkeit inzwischen erreicht, als ich Minuten später in unseren Wagen komme. Freudig werde ich begrüßt. Weil ich vom Zugschluss komme stellt sich sofort heraus, dass nicht nur Tobias sondern auch Leo den Zug nicht mehr erreicht hat.

Völlig ratlos, was jetzt zu tun ist, wenden wir uns an Marina, die sich auch sofort mit Stanslawa in Verbindung setzt und ihr das Problem erklärt. Daraufhin geht diese sofort zum Zugchef, damit er den Bahnhof Orscha verständigt. Natürlich werden die beiden Verlorenen außer der Kamera und den wichtigsten Dokumenten nichts bei sich haben, ihr ganzes Gepäck ist doch noch im Zug. Nach einer Weile, kommt Stanslawa zurück und erzählt uns, von Marina übersetzt, dass der Bahnhof von Orscha mittels Funk verständigt wurde.

Wenn man die Beiden in Orscha sofort in ein Taxi setzen würde, hätten sie eine Chance den Zug bis ins 119 km entfernte Smolensk wieder einzuholen. Außerdem erfahren wir, dass dies nicht das erste Mal gewesen sei, dass Reisende den Zug versäumen, denn sowohl im russischem (und im deutschen) Kursbuch als auch im Zugfahrplan ist die Abfahrtzeit mit 15.10 Uhr angegeben. Nur im deutschen Computerprogramm „HAFAS“ ist eine Abfahrtzeit von 14.39 Uhr angegeben. Eine intensive Diskussion beginnt über das, was man hätte tun sollen, beziehungsweise was man nun noch tun könne. Auch wird darüber spekuliert, ob man in diesem Fall den „Stopkran“ (Notbremse) hätte ziehen dürfen. Dies wird von Stanislawa jedoch klar verneint, nur wenn Gefahr für Leib und Leben bestünde, wäre es erlaubt, den „Stopkran“ zu benutzen. So bleibt uns jetzt nur noch die Hoffnung, dass die Beiden ein schnelles Taxi gefunden haben, welches sie nach Smolensk bringt. Wie auf einer Landkarte zu sehen ist, verläuft zwar eine Strasse fast parallel zur Eisenbahn, nur kann man die hiesigen Strassen sicherlich nicht mit deutschen Autobahnen vergleichen.

In flotter Fahrt geht es entlang des Flusses Dnjepr weiter Richtung Osten. Völlig unbemerkt überqueren wir die weißrussisch/russische Grenze, wo erneut die Uhr eine Stunde vorzustellen ist. Ob unsere beiden „Experten“ diese Staatsgrenze, im Taxi, auch so problemlos überqueren können wie wir im Zug?

Um 17.14 Uhr erreicht der Zug Smolensk auf Gleis 1 direkt am Empfangsgebäude. Alle Blicke sind auf den Bahnsteig gerichtet, in der Hoffnung, dass die beiden schon da sind. Aber niemand ist zu sehen. Stanislawa informiert sofort die örtliche Miliz, damit der Zug wartet und nicht fahrplanmäßig nach zwei Minuten wieder abfährt. Fast ½ Stunde lang steht der Zug herum, ohne dass etwas passiert, bis er um 17.40 ohne Vorwarnung wieder abfährt. Stanislawa lässt uns mitteilen, dass der Bahnhof informiert wurde. Falls die Beiden noch kommen sollten, wird man Sie sofort in das nächste Taxi stecken, damit Sie eine Chance haben den Zug bis ins 176 km entfernte Wjasma wieder einzuholen. Die Chancen dafür sind angeblich nicht schlecht, macht die Eisenbahn den im Gegensatz zu der Strasse einen großen Bogen.

Sicherlich etwas makaber, aber in diesem Zusammenhang fällt uns der Reim von den „10 kleinen Negerlein ein“ - und da waren es nur noch acht, Hauptsache einer von uns kommt in Hongkong an.

Mit immer noch fast 15 Minuten Verspätung erreicht unser Zug um 19.35 den Bahnhof von Wjasma. Inzwischen ist es dunkel geworden, und auf dem Bahnsteig ist nicht mehr viel los, nur ein paar Kinder möchten von den Reisenden etwas zu essen haben. Von irgendwo her erhalten wir die Meldung, dass die Zwei mit dem Taxi bereits in der Stadt sind, Sie aber nicht genügend Geld haben, um das Taxi zu bezahlen. Wir haben hier Lokwechsel, eine WL10 übernimmt den Zug für die Nacht und nach ¼ Stunde fährt der Zug um 19.51 Uhr ab, ohne die Zwei.

Jetzt ist die Hoffnung endgültig auf dem Nullpunkt gesunken, war dies doch der letzte offizielle Halt für die nächsten 10 Stunden. So schnell, wenn überhaupt, werden wir die Zwei nicht wiedersehen. Niemand im Wagen kann verstehen warum der Zug nicht noch etwas warten konnte. Vor Saratow, am nächsten Abend, werden wir von uns aus nun nichts mehr unternehmen können. Inzwischen weiß anscheinend der ganze Zug was passiert ist, immer wieder kommen andere Reisende und erkundigen sich nach den Vermissten.

Um endlich wieder auf andere Gedanken zu kommen, versuche ich zusammen mit Marina und Andreas etwas russisch zu lernen.

Weil es etwas unklar ist, wo der Zug in der Nacht an Moskau vorbei fährt, wird von uns noch einmal volle Konzentration gefordert. Es ist bereits spät am Abend, als der Zug an der Abzweigstelle Kubinka auf den Moskauer Außenring biegt. Südöstlich von Bekasowo Sort durchfahren wir einen großen Rangierbahnhof (ähnlich Maschen) an dessen Ende der Zug um 23.37 einen Betriebshalt einlegt. Wie Udo dem Dienstfahrplan entnehmen kann, soll es hier erst um 0.58 Uhr weiter gehen, tatsächlich setzt sich der Zug aber schon um 23.57 Uhr in Bewegung. Um die Sache noch weiter zu verfolgen bin ich dann aber doch zu müde, und verlasse mich auf Udos Bericht am nächsten Morgen.


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