Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Mittwoch den 09.04.1997 - Der 19. Tag - Am Ziel - Hongkong

Eigentlich wache ich an diesem Morgen überhaupt nicht auf, habe ich doch praktisch nicht geschlafen, dafür aber um so mehr gefroren. Was ich jetzt brauche ist eine Dusche und ein gutes Frühstück. So bin ich froh, als der Zug pünktlich um 5.40 Uhr Guangzhou erreicht.

Sechs Stunden haben wir Zeit, bis unser Zug nach Hongkong fährt, die wir nutzen, um im Hotel zu duschen und richtig zu frühstücken.

Wir gehen den uns nun schon bekannten Weg zum CITS Büro. Trotz der frühen Stunde, es dämmert gerade, ist hier im Gegensatz zu Maoming Dong der Bahnhofsvorplatz mit Menschen total überfüllt. Das Wetter ist immer noch so miserabel wie seit Tagen, alles ist nass, und die Luftfeuchtigkeit liegt sicherlich wieder nahe bei 100%.

Im Empfangsraum von CITS ist noch alles dunkel, ein paar leere Teegläser stehen herum, der Pförtner bzw. Wachdienst liegt hinter der Theke und schnarcht. Wenn die Banken hier auch mit so hochqualifizierten Wachpersonal arbeiten, sollte ich vielleicht den Beruf wechseln. Erst als Peter die Hupe eines in der Ecke liegenden Fahrrades kräftig drückt, schreckt der Wachmann in die Höhe.

Um 6.30 Uhr kommt der Bus. Die Strassen sind für Kantons Verhältnisse fast schon erschreckend leer, ungefähr so wie in Deutschland zur Hauptverkehrszeit. Nur eine ¼ Stunde später sind wir im Canton-Plaza.

Da ich mir nur zum Duschen kein Zimmer nehme, erlaube ich mir die Dusche von Olaf zu benutzen, der ja an dem Ausflug nach Maoming Dong nicht teilgenommen hat. Wie neu geboren erscheine ich anschließend zum Frühstück, welches sich mir in bewährter Weise präsentiert, nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich diesmal 48 Yuan dafür bezahlen muss.

Nach und nach treffen auch die Anderen ein, und um 8.30 Uhr sind alle fertig zur Abfahrt zum Ostbahnhof.

Auf Strassen, Rad- und Gehwegen hat sich unterdessen das für chinesische Verhältnisse übliche Chaos eingestellt. Jeder fährt wie er will, und hält unbeirrt mit ganz dickem Fell seinen Kurs. Langsam geht es im Stop and Go voran, mal links mal rechts überholend. Nur dem, der den lautesten Lärm veranstaltet, wird langsam Platz gemacht. Das wichtigste Bauteil am Auto ist somit auch die Hupe. Wenn die nicht funktioniert, hat das Auto nur noch Schrottwert. Neben uns fällt aus einem anderen Bus ein Mann aus der nicht verriegelten Tür, was unseren Fahrer zu einem heftigen Wutausbruch veranlasst. Der Mann hat Glück, dass er sofort aufsteht ohne gleich überfahren zu werden. Nach über einer halben Stunde kommen wir in die Nähe des Ostbahnhofs, das heißt mangels Parkmöglichkeit müssen wir die letzten 200m zu Fuß gehen.

Das Empfangsgebäude ist ganz anders wie die Bahnhöfe, die wir bisher in China kennen gelernt haben. Es ist natürlich sehr neu, sieht aber mehr aus wie ein Flughafengebäude als ein Bahnhof aus.

Drinnen gehen wir als erstes zur Gepäckabfertigung wo die anderen ihr Gepäck „aufgeben“, ich behalte meines – sicher ist sicher und kann so eine Durchleuchtung umgehen. Drei Stockwerke höher heißt es dann Abschied nehmen von Xu Hua und der Volksrepublik China. Ich glaube Xu Hua ist etwas neidisch auf uns, er war noch nicht in Hongkong, und es ist für ihn fraglich ob er nach dem 1. Juli nach Hongkong darf.

Ein Blick in den Pass, ein Blick in die Augen, Stempel aufs Visum und Tschüs China. So einfach ist das.

Drei Stockwerke tiefer erfolgt dann das Einchecken in den Zug Nr. 3 nach Kowloon/ Hongkong. Er steht auf Gleis 3 und hat 9 Großraumwagen der 1. und 2. Klasse. An der Spitze eine DF11. Auch diese Strecke ist also noch nicht elektrifiziert. Wir haben Wagen 1, oder besser Kühlschrank 1, unmittelbar hinter der Lok. Während draußen angenehme 25 Grad sind, kommt das Innere des Wagens nicht über 16 Grad.

Der Versuch ein Foto von unserem Zug zu machen, wird von dem umher stehenden Wachleuten (mit Waffengewalt) sofort verhindert.

Um 12.35 Uhr setzt sich unser Zug in Bewegung. Nächster fahrplanmäßiger Halt des Zuges ist Kowloon Central. Jetzt ist es amtlich, die Zivilisation hat uns wieder, fast der ganze Zug ist mit Touristen bevölkert, und ausgerechnet in unserem macht sich so eine deutsche Touristenhorde breit. Nicht, dass wir schon mit der Klimaanlage genug bestraft wären, sind doch noch die Toiletten des Zuges verschlossen. Im ständigen Wechsel von Industriegebieten und Wohnsilos geht es Richtung Süden. Wolkenkratzer, Plakatwände, Neonreklame, dichter Autoverkehr, der Zug erreicht die Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Kurzer Betriebshalt, das Grenzpersonal steigt aus.

Wenige hundert Meter weiter überquert der Zug die zweigleisige und überdachte Grenzbrücke über den Sham Chum.

Geschafft, die Grenzstation Lo Wu in der Kronkolonie Hongkong ist erreicht. 34 Kilometer von Hongkong Island und 14.880 Bahnkilometer von Berlin entfernt.

Gesichert ist die Grenze wie einst die Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Mit dem Unterschied, dass hier Republikflüchtlinge nicht am Verlassen ihres Mutterlandes, sondern am Betreten der kapitalistischen Kronkolonie gehindert werden.

Direkt unmittelbar hinter der Grenze beginnt die S-Bahn Strecke der KCR, der Kowloon-Canton Railway. Wir durchfahren die Station jedoch ohne Halt. Die Landschaft wird interessanter, steile Abhänge, grüner Buschwald, kleine Dörfer, Teiche und Äcker. Wir durchfahren das Hinterland Hongkongs, die grüne Lunge. Kurz vor der S-Bahn Station Tai Po Market liegt rechts das Eisenbahnmuseum und wenig später sehen wir bei der Tolo Bucht zum ersten mal das Südchinesische Meer. Entlang der felsigen Küste windet sich unser Zug seinem Ziel Kowloon entgegen. Hinter der Station von Tai Wai wird es plötzlich dunkel, der Zug durchfährt den mit 2338 m langen Beacon-Tunnel, der längste von ganz Hongkong. Genauso plötzlich befinden wir uns nach der Tunnelausfahrt in einer ungewohnten Hochhauswelt.


Geschafft - am Ziel!
Nach 14.914 km, 19 Tagen,
6 Zeitzonen, 2 Spurwechsel,
3 Visa, 8 Pass-/Gepäck-
kontrollen Ankunft auf dem
Bahnhof Kowloon von
Hongkong.
Dann - exakt um 12.10 Uhr nach 14.914 km, 19 Tagen, sechs Zeitzonen, zwei Spurwechsel, drei Visa, 8 Pass-/ Gepäckkontrollen ist es geschafft. Langsam rollt der Zug in den Hauptbahnhof Hung-Hom von Kowloon Hongkong.

Der erst 1975 in Betrieb genommene (aber stellenweise immer noch im (Um)Bau befindlich) neue Bahnhof ist nur ein schwacher Ersatz für den 1916 erbauten Kowloon-Canton Railway Terminal, unmittelbar neben dem Anleger der Star Ferry.

Obwohl offiziell noch nicht in Hongkong eingereist, lassen wir es uns nicht nehmen, uns für ein Gruppenfoto vor dem Zug zu versammeln. Das Bahnhofspersonal versucht dies zwar zu verhindern, aber ohne Erfolg.

Noch einmal lassen wir die Grenzabfertigung über uns ergehen. Nachdem die Anderen ihr Gepäck bekommen haben, verabschieden sich die Lüneburger, sie haben sich woanders einquartiert.

Der Rest macht sich auf die Suche nach dem Taxistand, denn niemand hat Lust bei der Luftfeuchtigkeit zu unserem Guesthouse zu gehen. Jeweils 4 Personen plus Gepäck teilen sich ein Taxi. Zum Problem wird allerdings, dass unser Taxifahrer nicht ein Wort Englisch versteht. Nun, im anderen Wagen scheint man aber der englischen Sprache mächtig zu sein, und so folgen wir dem Wagen einfach. Über die Salisbury Road, die Minden Road (Harald fühlt sich wie zuhause) sind wir nach 10 Minuten in der Mody Road. Im Herzen von Kowloon nur 5 Gehminuten von der berühmten Nathan Road entfernt. Nur Michael hat Hongkong Dollar und muss somit die Taxis bezahlen.

Unser Guesthouse liegt gut getarnt im siebten Stock. Außer dem Guesthouse sind neben weiteren Wohnungen im Erdgeschoss ein Souvenir Laden, im vierten Stock ein China Restaurant und darüber der „Club 36“ untergebracht.

Mit dem Mini Fahrstuhl im siebten Stock angekommen werden wir von Frank Mody, dem Besitzer, freudig erwartet. Die Zimmer werden zugeteilt, ich nehme mit Udo Zimmer 6.

Dieses hat nicht nur den Vorteil, dass es das Größte unter den Kleinen ist, sondern auch über ein großes Fenster verfügt. Das ist nicht selbstverständlich, haben die anderen Zimmer entweder gar keines oder höchstens so eine Schiessscharte. Alle Zimmer verfügen jedoch über Telefon, Fernseher, Klimaanlage und einer in der Toilette integrierten Dusche. Irgendwie praktisch, lassen sich doch so gleich zwei Dinge gleichzeitig „erledigen“. Zu guter Letzt werden wir noch mit den Fluchtwegen im Falle eines Feuers vertraut gemacht, wobei der Weg übers Dach ins Nachbarhaus besonders abenteuerlich erscheint.

Der ganze Nachmittag steht noch zur Verfügung. Hongkong, 1070 Quadratkilometer groß und auf einer Halbinsel sowie 235 Inseln verteilt, bietet seinen Besuchern Sehenswertes und Überraschungen für mehrere Wochen. Und wir haben gerade einmal 3 Tage Zeit.

Von Ewald kommt der Vorschlag in der City Erkundigungen über die Fährverbindungen nach Macao einzuholen. Macao wird 1999 an die VR China zurück gegeben und vorher möchte ich da noch hin, also warum nicht in den nächsten Tagen.


Der Victoria Harbour in
Hongkong.
Um 15 Uhr geht es los, hinein in die brodelnde 6 Millionen Metropole. Mit 5229 Einwohner je km2 hat sie die höchste Bevölkerungsdichte der Welt.
Ewald ist vor einigen Jahren schon in Hongkong gewesen und geht daher als Stadtführer voran. An einer Wechselstube in der Middel Road werden die nötigen Dollars getauscht. Vorbei an dem Regent Hotel, welches als eines der besten Hotels der Welt gilt, der Hafenpromenade und dem erhalten gebliebenen Uhrenturm des alten Bahnhofes von 1922 geht’s zum Star Ferry Pier.

Die Fähren fahren zur Hauptverkehrszeit im 5 Minutentakt, sonst alle 15 Minuten, zur Insel Victoria. Entweder nach Central District oder nach Wan Chai. Die heutige Flotte bewältigt täglich mehr als 450 Überfahrten mit jeweils maximal 580 Passagieren. Die Historie dieser Fähren reicht bis ins Jahr 1870 zurück, nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass die Briten erst 1840 in Hongkong landeten. Seit 1898 tuckern die Fähren als Doppeldecker durch den Hafen. Wir nehmen die erst beste und die fährt nach Wan Chai.

Die Überfahrt in den größtenteils 1956 in Großbritannien Gebauten Fähren dauert knappe 10 Minuten und kostet im Unterdeck 1,70 HK$, und im Oberdeck 2,- HK$. „Exakt fare please“ wir verlangt, und da weder wir noch andere 1,70 HK$ klein haben nehmen wir die 1. Klasse.

Bemerkung am Rande: auch in den Doppeldecker Bussen von Hongkong gibt es je nach Transportart gestaffelte Preise. So kostet die Fahrt im Unterdeck weniger als im Oberdeck und am billigsten ist der Stehplatz. Bezahlt wird in den Bussen beim Ausstieg und beim Fahrer. Ich Frage mich, wie der Fahrer kontrollieren will, wer wo wie mitgefahren ist, so dass nicht alle behaupten, sie hätten nur einen Stehplatz gehabt?

Während wir schaukelnd den Victoria Harbour überqueren geschieht ein kleines Wunder: Zum ersten Mal seit Kunming zeigt sich für einen kurzen Moment die Sonne am Horizont. Das lässt hoffen für die nächsten Tage. Hongkong heißt „Duftender Hafen“, was an dem Duft dieses Hafens so besonderes sein soll, bleibt mir unverständlich. Er riecht wie so ziemlich jeder Hafen in der Welt - nach totem Fisch.

Das Hongkong – Macao Ferry Terminal liegt nach Ewalds Meinung im Stadtteil Sheung Wan und dorthin fährt die Straßenbahn. Durch Häuserschluchten hindurch treffen wir an der Hennessy Roard zum ersten mal auf die berühmteste Doppelstock Straßenbahn der Welt. Wartezeiten gibt’s nicht, sie fahren ständig, manchmal 3-4 unmittelbar hintereinander.

Seit 1904 rumpelt sie nun schon durch die engen Strassen Hongkongs, aus denen sie einfach nicht mehr weg zu denken ist. Alle Kurse werden als Einzeltriebwagen gefahren, es gibt weder Doppeltraktion noch Beiwagen. Grundsätzlich wird hinten ein- und vorne ausgestiegen. Die Fahrt kostet egal wie weit oder wie lange Grundsätzlich 1,60 HK$, auch hier gilt „Exakt fare please“.


Tram von Hongkong Island.
Recht spartanisch sieht es im Innenraum aus: die Plastikschalensitze stehen fürchterlich dicht hintereinander. Über eine enge steile Wendeltreppe gelangen wir ins Oberdeck und haben Glück, einen Platz in der „pole position“ zu ergattern. Denn auch bei der Hongkong Tramway Ltd. kann man in der „Ersten Reihe“ sitzen und hat eine phänomenalen Aussicht auf die Strecke. Eine halbe Stunde später sind wir in Sheung Wan, unmittelbar am neuen Ferry Terminal.

Es dauert ein Weile, bis wir uns in dem mehrstöckigen Gebäude zurechtgefunden haben. Der Blick auf die Preisliste haut uns fast um 128 HK$ kostet die Überfahrt in so einem „Fast East Jetfoil“. Das sind immerhin ca. 30,- DM je Richtung und am Wochenende wird es noch teurer. Wir schauen uns noch einmal um, ob es nicht doch eine günstigere Möglichkeit der Überfahrt gibt. Ruderboot, Schlauchboot, Floss, Dschunke, Segelboot, Motorboot, Kanu, oder U-Boot ganz gleich, Hauptsache es schwimmt und ist billiger. Im Tourist Office von Macao wird uns jedoch gesagt, dass es außer der Jetfoils nichts mehr geben würde. Sie würden nur eine Stunde für die Überfahrt benötigen und da, konnten sich die anderen nicht mehr halten. Nun gut, wir müssen uns ja noch nicht heute entscheiden, die Jetfoils fahren alle 30 Minuten und die Tickets gibt’s bis kurz vor der Abfahrt.

Obwohl die Wetterbesserung nur vorübergehend gewesen ist, fahren wir mit der Tram noch zum östlichen Endpunkt, um anschließend bei einem „klassisch“ amerikanischen Abendessen den Tag zu beenden.


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