Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Dienstag den 08.04.1997 - Der 18. Tag - Guangdong-Sanmao Eisenbahn

Hurra ich lebe noch, ist mein erster Gedanke nach dem gestrigen Abend und hoffe, dass die Chinesen beim Frühstück wieder einiges gut machen können.

Beim Wetter hat sich leider immer noch keine Besserung eingestellt.

Frühstück gibts um 8.30 Uhr, wo ich auch pünktlich erscheine. Sieht zwar nicht ganz so umfangreich aus wie das von Chengdu, aber es ist ein Buffet und ganz wichtig „Continental“. Ist doch irgendwie erstaunlich, wie viel Chinesen das „Continental“ Frühstück dem chinesischem vorziehen.

Nach dem Frühstück holen wir unser Gepäck von den Zimmern, während die Anderen ihr Gepäck zum Ausflug nach Maoming Dong nicht mitnehmen, erscheint es mir doch sicherer, alles am Mann zu haben. Bis auf Leo, Tobias und Olaf sitzen um halb 10 alle im CITS Bus, mit dem wir zum Hauptbahnhof fahren. Herr Xu Hua wird uns bei diesem Ausflug begleiten, denn es gibt in Maoming Dong kein Büro von CITS, welches uns die Fahrkarten für die Rückfahrt besorgen könnte.

Der Ausflug nach Maoming Dong dient ausschließlich den her angeblich noch fahrenden Dampflokomotiven. Weil das Fotografieren von Dampflokomotiven in der letzten Zeit mit Problemen verbunden war, haben wir uns, um allen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, einen auf chinesisch geschriebenen Zettel besorgt, der den entsprechenden Personen gezeigt werden kann. Dort heißt es:

„Die chinesischen Eisenbahnen modernisieren sich rasant. Bald schon werden Dampflokomotiven der Vergangenheit angehören. Zukünftige Generationen werden dann nicht mehr wissen, was es bedeutet, einen schweren Zug mit Dampf vorwärts zu bewegen, daher ist es unser Anliegen, den Männern auf den Führerstand einer Dampflok und ihrer harten Arbeit ein Denkmal zu setzen. Denn wir wollen mit den Fotos, die wir machen, auch noch in vielen Jahren den Nachkommen zeigen, was die Dampflokomotive zu leisten im Stande war und was dazu alles nötig war.“

Der Eisenbahner der dann nicht zu Tränen gerührt ist, und uns nicht fotografieren lässt ist kein echter Eisenbahner!

Am Bahnhof angekommen kämpfen wir uns durch den gewohnten Berg von Menschen zum Warteraum vor. Aber hier ist es nicht leerer, auch scheint es nur ein Warteraum der 2 Klasse zu sein. Gegen 11 Uhr dürfen wir auf den Bahnsteig, unser Zug fährt gerade ein. Er kommt aus Shenzhen, der Sonderwirtschaftszone vor den Toren Hongkongs.

An der Spitze nicht wie gehofft eine Dampflok sondern eine rumänische ND2. Lokomotiven dieses Typs wurden erstmals 1972 an China geliefert. Sie haben zwei Endführerstände und sind mit einem Zwölf Zylinder Zweireihen Viertakt Motor bestückt, der eine Leistung von 850 kW abgibt und eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h bringt.

Spätestens beim Anblick der Wagen wird klar, dass der Zug gar nicht mit Dampf fahren kann, die Wagen sind ausnahmslos alle klimatisiert. Nach der Lok kommen 5 Hartbett Wagen (YW), 1 Weichschläfer (RW), 1 Speisewagen (CA), 2 Weichsitzer (RZ), 5 Hartsitzer (YZ).

Wir haben Wagen 13, einen Hartsitzer (gepolstert), obwohl wir einen Weichsitzer bestellt hatten. Zumindest die Sitzwagen sind alles Großraumwagen, Abteilwagen wie in Deutschland kennt man in China gar nicht. Nachteil gegenüber 1. Klasse ist zum einen die engere 2+3 er Sitzbestuhlung und zum anderen natürlich, dass der Wagen einfach voller ist. Der Wagen ist sehr gut besetzt, fast alle Plätze sind belegt. Auffällig ist, dass es sehr gesittet zu geht, die anderen Reisenden haben auch nur wenig Gepäck. Ich habe fast noch das meiste.

Pünktlich um 11.18 Uhr setzt sich Zug 277 nach Maoming Dong in Bewegung. Bedingt durch die Klimaanlage lassen sich natürlich auch die Fenster im Wagen nicht öffnen, was bei dem Sauwetter zur Zeit noch nicht weiter schlimm ist. Sollte es interessant werden, was freilich zu hoffen ist, muss halt das Fenster auf der Toilette herhalten. Zunächst geht es aber durch dicht besiedelte Vororte von Guangzhou.

Während das Streckenstück von Guangzhou nach Sanshui der Chinesischen Staatsbahn gehört, ist der Abschnitt von Sanshui bis Maoming Eigentum der Guangdong San Mao Eisenbahn. Die Guangdong San Mao Eisenbahn ist fast so etwas wie eine Privatbahn, denn sie gehört den Provinzen Guangdong, Hunan und Hainan. Der von uns befahrenen Abschnitt von Sanshui bis Maoming Dong (Ostbahnhof) ist noch sehr neu und wurde erst im Dezember 1990 fertiggestellt.

Die 500.000 Einwohner zählende Stadt Foshan (Buddhaberg) erreicht der Zug, bedingt durch mehrere Zugkreuzungen, mit 13 Minuten Verspätung. Auf dem Nebengleis steht vor einem Güterzug die erste Qj unter Dampf, was für ziemliche Aufregung sorgt, als wenn es die Letzte für heute sein sollte.

Kurz hinter Jiujiang überqueren wir auf einer Kilometer langen Stahlfachwerkbrücke den Fluss Jiang. Nun wird auch die Landschaft interessanter und ähnelt der Gegend um Guilin mit seinen Karstbergen. Die Gegend an sich ist flach und mit vielen Seen überzogen, aus denen dann völlig unregelmäßig diese, vielleicht 30-40 m hohen, merkwürdigen Karstberge herausragen.

Fast in jedem Bahnhof haben wir Kreuzung mit einem dampfbespannten teils sogar nachgeschobenen Güterzug.

Die Klimaanlage des Wagen leistet ganze Arbeit, so dass man es ohne eine Jacke kaum aushält. Seitdem das Personal die Fahrkarten kontrolliert hat, ist es ständig im Zug unterwegs, um den Fahrgästen Zeitungen, Spielkarten, Getränke, und Knabberreinen anzubieten. Jedes Mal wenn die Landschaft interessanter wird oder sich eine Kurve ankündigt, entsteht ein Kampf um das zu öffnende Toilettenfenster. An dem schmalen Fenster ist höchstens für ein oder zwei Personen Platz. Nur gut das die Toilette technisch (mangels Wasser und Papier) außer Betrieb ist, und wir wenigstens so nicht von den „Zivilisten“ beim Fotografieren belästigt werden. Unser, für die Einheimischen doch recht merkwürdiges Verhalten sorgt eh schon für genug Aufregung. Touristen scheinen auf dieser Strecke wohl die Ausnahme zu sein.

Klotzen statt Kleckern könnte das Motto beim Bau dieser Strecke gewesen sein. Der schwere und gut verlegte Oberbau lässt hohe Achslasten und verhältnismäßig große Geschwindigkeiten zu. Auch wurden die Tunneldurchmesser großzügig gewählt, damit einer späteren Elektrifizierung nichts im Wege ist.

Ab Chuncheng geht die Fahrt durch eine typisch südchinesische Hügellandschaft mit endlosen Reisterrassen. Lange und hohe Brücken wechseln sich mit tiefen Einschnitten und einigen Tunneln ab.

Mit immer noch 13 Minuten Verspätung (für chinesische Verhältnisse überaus pünktlich) erreichen wir um 18.10 Uhr den Bahnhof von Maoming Dong und damit den südlichsten Punkt unserer Reise.

Kaum sind wir ausgestiegen, da sind die übrigen Reisenden auch schon verschwunden und wir stehen alleine auf dem Bahnsteig. Außer dem überdachten Hausbahnsteig gibt es einen ebenfalls überdachten Mittelbahnsteig. Der ganze Bahnhof ist sehr neu, wirkt mit seinem vielen Beton aber sehr klobig. An Design und Ästhetik hat man nicht viel Mühe verschwendet, Funktionalität und Kostenminimierung waren gefragt.

Wie uns Xu Hua sagt, haben wir für die Rückfahrt auch nur Hartsitzer, obwohl von mir Weichschläfer bestellt wurden. Dadurch entsteht eine heftige Diskussion, ob wir zuerst versuchen sollen Fahrkarten für den Weichschläfer zu besorgen, oder das restliche Tageslicht für einen Besuch im Lokomotivdepot genutzt werden soll. Die Video Fraktion gewinnt, denn zum Fotografieren ist es sowieso zu dunkel. Also gehen Ewald, Udo und Xu Hua zum Depot und ich mache es mir mit den anderen im Warteraum bequem. Nachdem es endgültig dunkel ist, kommen auch die „Videoten“ zurück.

Um wenigstens auf der Rückfahrt den von mir bestellten Weichschläfer zu bekommen, bitte ich Xu Hua in seinem Büro anzurufen, um hierfür die Freigabe einzuholen. Leider ohne Erfolg, für die Rückfahrt gibt es nur Fahrkarten für einen Sitzwagen, immerhin aber 1 Klasse. Jetzt ist es 19 Uhr, und der Zug fährt um 22.47 Uhr zurück nach Guangzhou. Fast 4 Stunden Zeit, um im abendliche Maoming Dong nach einer Gaststätte zu suchen.

Harald erklärt sich bereit, im Bahnhof zu bleiben und auf das Gepäck aufzupassen.

Beim Blick auf den Bahnhofsvorplatz glaube ich erneut, mich nicht mehr in China zu befinden. Ein Platz so groß wie zwei Fußballfelder, aber, und das ist das Merkwürdige, er ist nahezu menschenleer. Nur eine Handvoll Menschen laufen scheinbar ziellos umher. Das an sich weiße Bahnhofsgebäude wird von mehreren Lampen poppig bunt angestrahlt. Um den Platz herum stehen mehrere Hochhäuser und ein Postamt. Alles ist völlig dunkel. Man könnte meinen, die Stadt ist noch nicht fertig oder wurde gerade evakuiert.

Ob wir in dieser öden Gegend eine geöffnete Gaststätte finden?

Herr Hua geht voran obwohl, er auch zum ersten Mal in Maoming ist. Tatsächlich, vielleicht 600 m vom Bahnhof entfernt, findet er neben einem Spielsalon mit Gokartbahn eine Gaststätte. Hätten wir ihn nicht dabei gehabt, wären wir glatt daran vorbei gegangen, denn von außen deutet nichts auf ein Restaurant hin. Der Eingang wirkt kahl aber sehr sauber. Unser Erscheinen sorgt für einiges Aufsehen, hat man doch offensichtlich für heute Abend nicht mehr mit einer deutschen Reisegruppe gerechnet. Was ich natürlich überhaupt nicht verstehen kann, wo es hier doch nur von Touristen so wimmelt(?!).

Wir sind anscheinend die einzigen Gäste, so wird uns die Ehre zu teil den besten Speiseraum bekommen zu können. Es ist der hinterste und erinnert mich mehr an ein Badezimmer als an einen Speiseraum. Sowohl Fußboden als auch die Wände des quadratischen Raumes sind mit weißen Fliesen gekachelt. Er sieht nicht nur sehr sauber aus, nein man kann es sogar riechen. Wahrscheinlich wurde er kurz zuvor erst desinfiziert. Außer einem großen runden Tisch mit drehbarer Glasplatte und einigen Stühlen in der Mitte ist der Raum leer. Herr Hua lässt sich die Speisekarte geben und empfiehlt uns, heute Abend kantonesisch zu essen. Nach den Erfahrungen von gestern Abend lehne ich dies kategorisch ab, wobei mir auch die Anderen zustimmen. Nach einigen Überlegungen kommen wir zu einem Kompromiss und bestellen: Rindfleisch (schön scharf), Gemüse (Bambussprossen etc.) grüner Tee, Cola in Dosen und natürlich Reis. Für alle, die es immer noch nicht können, gibt’s von Xu Hua noch einen Schnellkurs in der Benutzung von Stäbchen. Da es jedoch immer noch einige gibt, die es nicht lernen wollen oder können, wird aber noch Besteck gebracht. Das Essen schmeckt, und ruckzuck ist der Tisch leer gefuttert.

Auch die Rechnung ist ganz nach unserem Geschmack, nur 120 Yuan für 8 Personen.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof sind die Strassen noch leerer geworden. Am Bahnhof und einigen Häusern wurde jetzt noch zusätzlich kitschig bunte Neonwerbung eingeschaltet.

Dafür ist unterdessen im Warteraum der „Bär“ (in China doch eher der Drache!) los. Mehrere hundert Menschen, darunter sogar ein paar Amerikaner, warten auf die Bahnsteigfreigabe für Zug 278 nach Guangzhou.

Um 22.15 Uhr ist es soweit, die Massen werden auf den Zug losgelassen. Warum dabei so ein Gedränge entstehen muss, bleibt unklar. Ist die Mitfahrt doch nur mit einer Platz- oder Bettkarte möglich.

Es ist dieselbe Wagengarnitur, mit der wir hierher gefahren sind. Wir haben diesmal den Wagen 10, und die Klimaanlage hat ganze Arbeit geleistet. Die Innentemperatur liegt bei 16 Grad, während es draußen noch geschätzte 25-30 Grad sein dürften.

Auch diesmal wird unsere Hoffnung nach einer Dampflok an der Spitze nicht erfüllt, es ist wieder nur ein Diesel. Dabei ist die DF1 vorm Zug mit Baujahr 1967 schon ein echter Oldtimer und somit älter als die meisten Dampfloks.

Pünktlich um 22.47 Uhr setzt sich der gut gefüllte Zug in Bewegung. An Schlaf ist bei dieser Innentemperatur eh nicht zu denken, obwohl die Plätze sehr geräumig und verstellbar sind. Denn nicht nur die Neonbeleuchtung bleibt eingeschaltet, auch rennt das Personal ständig mit dem Verkaufswagen klingelnd durch den Wagen.


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