Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Montag den 07.04.1997 - Der 17. Tag - Guangzhou (Kanton)

Durch ein mir wohl bekanntes Geräusch werde ich geweckt, es ist das Anfahren einer Dampflok und das ist bei dem draußen herrschendem Lärm beachtlich. Durchfahrende Züge machen sich laut pfeifend bemerkbar. Wir stehen im Bahnhof von Hengyang an der Hauptstrecke von Peking nach Guangzhou. Nach erfolgten Fahrtrichtungswechsel fahren wir weiter, nicht wie eigentlich erwartet elektrisch sondern immer noch mit Diesel.

Erst in Chenzhou wird unser Zug von einer SS1 übernommen, aber auch nur bis Shaoguan, ab wo wir wieder von einer DF4 gezogen werden. Der Grund für diesen elektrischen Inselbetrieb liegt sicherlich in den vielen Tunnels, wovon zumindest zwei über 6 und 14 km lang sind. Auch hat man diesen Abschnitt gleich an mehreren Stellen aufwendig begradigt.

Bei der Einfahrt in den Bahnhof von Shaoguan liegt auf der rechten Seite ein Lokomotivdepot wo 4 Dampfloks (QJ) unter Dampf stehen . Beim Blick auf die Uhr trifft mich fast der Schlag, der Zug hat ziemlich genau 3 Stunden Verspätung.


Buddhistischer Tempel in
Guangzhou.
Mit Diesel geht es also von nun weiter in Richtung Süden im Tal des Wu Shui, dessen Tal der Zug mehrmals überquert. Das Wetter ist leider gegenüber gestern nicht ein kleines bisschen besser geworden. Immer noch behindern tief hängende Regenwolken die Sicht. Dabei ist doch noch gar keine Regenzeit.

In Yingde sind es dann schon über 3 Stunden Verspätung. Hier gelingt mir dann auch endlich mal ein Foto von einer chinesischen Dampflok. Auf dem Nebengleis wartet eine QJ mit einem Bauzug auf unsere Ausfahrt.

Auch in China gibt es Schnellfahrstrecken, mit gut und gerne 140 km/h durchpflügt unser Zug die südchinesische Landschaft, laut pfeifend kommen uns Züge entgegen.

Laut Fahrplan sollen wir eigentlich von 8.06 bis 8.11 Uhr im Bahnhof von Huadu halten, aber genau den Bahnhof haben wir soeben mit V/max. durchfahren. Ausgerechnet dort wollte ich aussteigen, nun muss ich wohl doch bis Guangzhou fahren(?!).

Mit exakt 186 Minuten Verspätung kommt Zug 366 aus Kunming im Zentralbahnhof der Millionenstadt Guangzhou zum Stehen.

Guangzhou, Kanton, die vorletzte Station auf unserem Weg nach Hongkong ist erreicht. Beim Aussteigen haut es mich fast um, hatte ich eigentlich gehofft, dass die Temperaturschwankungen auf so einer Bahnreise besser zu vertragen sind als nach einem Flug, so trifft mich die tropische Temperatur und Luftfeuchtigkeit wie ein Tiefschlag.

Es ist ein großer Bahnhof mit breiten Betonbahnsteigen und großzügigen Überdachungen, wie sie wohl heute auf fast allen modernen Bahnhöfen Chinas zu finden sind. Wir sammeln uns wie gewohnt auf dem Bahnsteig, in Erwartung dass uns jemand von CITS abholt. Es kommt aber mal wieder niemand, wahrscheinlich hat man denen von CITS wieder einmal die falsche Ankunftszeit mitgeteilt. Irgendwann wird es uns dann aber doch zu blöd, und so begeben wir uns in Richtung Ausgang. In der Hoffnung, dass doch noch jemand von CITS uns entgegen kommt. Auffallen müssten wir ja unter den Tausenden von Chinesen, die im und vor dem Bahnhof herum laufen. Transfer Angebote bekommen wir auch reichlich aber eben keines von CITS.

Udo und ich beschließen daher, dass in der Nähe des Bahnhofes gelegene CITS Büro aufzusuchen. Nachdem wir uns durch die Menschenmassen zum anderen Ende des Bahnhofes gekämpft haben, finden wir dieses auch. Dort weiß zunächst natürlich niemand so richtig Bescheid, man bittet uns aber den Rest der Gruppe zu holen, während sie telefonieren.

Also wieder retour durch das Getümmel zurück zu den Anderen. Wenn wir in die Sonderwirtschaftszone Shenzhen gewollt hätten, hätten wir unter hunderten von Taxis und Bussen den Preisgünstigsten aussuchen können. Aber da wollen wir ja gar nicht hin sondern nur zum Canton Plaza. Und wieder geht es, diesmal auch noch mit Gepäck, im Spießrutenlauf über den Bahnhofsvorplatz zum Büro von CITS. Nachdem wir vielleicht 10 Minuten gewartet haben, kommt tatsächlich jemand mit Namensschild. Sein Name ist Xu Hua, bittet um Verzeihung, dass wir warten mussten und sagt, dass draußen der Bus bereit stehe.

Mit viel hupen drängelt sich unser Fahrer über total verstopfte, teils doppelstöckige, Strassen in den Süden der Stadt.


"Über den Dächern von
Guangzhou muss das Chaos
wohl Grenzenlos sein..."
Guangzhou oder auch Kanton genannt ist die Hauptstadt der Provinz Guangdong, hat etwa 5 Millionen Einwohner und liegt am Perlfluss. Geographisch ist es eine Tropenstadt; der Wendekreis des Krebses verläuft einige Kilometer nördlich der Stadt. Die Sonne steht zwar erst im Juli einige Tage senkrecht über der Stadt aber, dass das Klima subtropisch ist, bekommen wir jetzt Anfang April schon hautnah zu spüren. Die hiesigen Chinesen unterscheiden sich erheblich von denen des Nordens. Zum einen die Sprache; sie ist für Nordchinesen unverständlich. Zum andern durch die kantonesische Küche; sie ist die vielseitigste aller chinesischen kulinarischen Richtungen, oft aber auch dem Spott der übrigen Chinesen ausgesetzt („Kantonesen essen alles, was vier Beine hat, außer Tischen und Stühlen, alles was Flügel hat außer Flugzeuge und alles was schwimmt außer Schiffen“). Nach ca. 20 Minuten Kampf durch Kantons Strassen sind wir am Ziel - Hotel Canton-Plaza.

Es ist ein sehr modernes Hotel, die große klimatisierte und mit Marmor ausgestattete Empfangshalle wirkt wie ein Fremdkörper in diesem allgemeinen Durcheinander. Wir checken uns ein und bei einem Begrüßungstrunk wird das weitere Programm kurz durchgesprochen.

Darauf hin fahren Michael und ich in den 10 Stock zu unserem Zimmer Nr. 10. Natürlich ist auch das Zimmer klimatisiert, bei einer Luftfeuchtigkeit von über 90 % eine Frage des Überlebens. Vom Fenster haben wir gute Sicht auf das Verkehrschaos in Kantons Strassen. Weil wegen Reparaturarbeiten das Wasser von 14.00 bis 17.00 Uhr abgesperrt ist, müssen wird das Duschen auf heute Abend verschieben.

Um wenigstens etwas von Guangzhou zu sehen, treffe ich mich um 14.30 Uhr mit den Anderen, um gemeinsam die Stadt zu erkunden. Buslinie 13 soll angeblich in die City fahren. Die Haltestelle ist unmittelbar beim Hotel. Für 1 Yuan kaufen wir uns einen Fahrschein und nehmen den nächsten Bus. Der Bus fährt auch Richtung Innenstadt, aber nicht dorthin, wo wir eigentlich hin möchten. Leo versucht den Fahrer zu befragen, mangels entsprechender Sprachkenntnisse scheitert dies jedoch. Na wenigstens sind die Straßenschilder zweisprachig. Wir versuchen daher zu Fuß unser Ziel, die Blumenpagode, zu erreichen.

Durch enge Gassen, die überfüllt sind mit Menschen, kommen wir nur langsam voran. Überall gibt es kleine zur Strasse hin offene Geschäfte, die die unmöglichsten Dinge zum Kauf anbieten. Jedes Geschäft ist ein kleines Fachgeschäft für sich. So gibt es Fachgeschäfte zum Beispiel für Wasseruhren, Steckdosen, Räucherstäbchen, Schalter, Schmuck, Pumpen, Eimer die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Besonders gut hat man es als Radfahrer, an nahezu jeder Ecke gibt es eine kleine Reparaturwerkstatt. Es wird gehämmert, gebohrt, genietet und geschweißt. Sollte es mal Probleme mit dem Rad geben, ist garantiert immer eine geschickte Hand in der Nähe um den Fehler zu beheben. Natürlich kommen auch die Delikatessen der kantonesischen Küche nicht zu kurz: Schlangen, Katzen, Käfer, Würmer, Hühner, Fische, Hunde sind nahezu problemlos an jeder Ecke zu bekommen. Selbstverständlich immer lebend direkt aus Käfig oder Aquarium auf den Tisch.

Nachdem sich Auge und Nase satt gesehen haben, kommen wir doch noch zu unserer Blumenpagode. Für 6 Yuan bekommen wir zum Touristenpreis ein Ticket.

Die Blumenpagode oder auch „Tempel der sechs Banyan-Bäume“ genannt ist ein Wahrzeichen der Stadt. Den Namen erhielt der Tempel, der auf das Jahr 479 zurückgehen soll, 1099 mittels einer kalligraphischen Widmung des Dichters Su Dongpo. Das Besondere aber ist, dass der Tempel noch von Mönchen betrieben wird und nicht wie so viele andere wie ein Museum. Die neunstöckige Pagode ist zu besteigen, welches auch von mir sofort in Angriff genommen wird. Nichts für Personen die nicht schwindelfrei sind, denn um von einem Stock in den nächste zu gelangen, muss erst der eine außen halb umgangen werden. Wobei zwischen Geländer und Pagode vielleicht nur 40 cm Platz sind. Oben angekommen bietet sich aber ein wirklich eindrucksvolles Bild über Guangzhou. Noch verstärkt durch das trübe Wetter glaubt man auf eine große Müllkippe hinab zu blicken. Dicht an dicht steht ein Haus an dem anderen, jeder sei er auch noch so kleine Platz wird in irgendeiner Form genutzt. Die Dächer werden zumeist als Garten oder Abstellraum genutzt und die engen Häuserschluchten zum Trocknen von Wäsche oder zum aufbewahren von Fahrrädern. Wenn hier Feuer ausbricht, ist zu befürchten, dass nicht ein Haus sondern gleich ein ganzer Stadtteil abbrennt. Zumal die engen Gassen auch für Feuerwehrwagen viel zu eng sind.

Wieder unten angekommen genehmige ich mir erst einmal eine kühle Sprite.

Überall hängen Räucherspiralen herum, oder man kann für ein paar Yuan welche kaufen, um sie dann einer Buddha Statue oder der Göttin der Barmherzigkeit zu huldigen.

Die Zeit drängt, so geht es weiter durch enge Gassen zum nächsten Programmpunkt, der Sun-Yat-sen Gedächtnishalle.

Für immerhin 10 Yuan bekommen wir Einlass in einen streng angelegten Garten mit der blau gekachelten Gedächtnishalle in der Mitte. Die kurz nach Suns Tod 1925 errichtete Halle birgt einen weiträumigen Theater- und Vortragssaal mit 5000 Plätzen. Auf uns macht sie aber einen ziemlich herunter gekommenen Eindruck.

So geht es gleich weiter zu dem direkt dahinter gelegenen Yuexiu-Park, dessen Eintritt dann noch einmal 3 Yuan kostet. Er gilt als der schönste Landschaftspark der Stadt. Er wird überragt von dem im Jahre 1380 errichteten Turm zum Bewachen des Meeres, der an die sieben großen Seereisen des Eunuchen Zheng He erinnert. Viele Chinesen nutzen die Ruhe des Parks und üben sich in der Kunst des Schatten-Boxens. Langsam wird es dunkel, das heißt genau genommen ist es gar nicht richtig hell geworden. Den ganzen Tag über ist das Fotografieren nur mit 1/60 Sekunde möglich gewesen.

Vorbei an Teichlandschaften und Vergnügungseinrichtungen geht‘s zu einem der Ausgänge.

Es gibt Bushaltestellen, aber nirgends fährt die Linie 13 oder 189. So riskieren wir es, den ersten besten Bus zu besteigen in der Hoffnung, dass dieser in Richtung Hotel fährt.

Der erst beste ist die Linie 529, ein Doppeldeckerbus. Bereits beim Einsteigen kommt mir der Bus irgendwie bekannt vor, nicht nur weil es ein MAN ist. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Es ist ein Bus der Berliner Verkehrsbetriebe, wusste gar nicht, dass die jetzt sogar bis Kanton fahren. Vom Oberdeck haben wir einen hervorragenden Blick auf die nächtlichen Strassen von Guangzhou. Sorgen mache ich mit nur um die Höhe des Busses. Nur wenige Zentimeter trennen uns manchmal nur von der Fahrleitung der Trolleybusse, den Bäumen oder den quer über die Strasse gespannten Girlanden. Wir haben ein unvorstellbares Glück, mit einigen Umwegen zwar fährt er tatsächlich zur Endstelle der Linie 13. Wozu nach Fahr- oder Übersichtsplänen suchen, haben wir doch sofort Anschluss und kommen direkt zum Canton-Plaza.

Nachdem wir uns seit fast einer Woche überwiegend von Reis, Gemüse und undefinierbarem Fleisch ernährt haben, erscheint uns das große gelbe M auf rotem Grund neben dem Hotel wie eine Erlösung. Das „etwas andere Restaurant“ ist gut besucht, aber was vielleicht noch viel wichtiger ist, es ist klimatisiert. Zum Preis von 19,70 Yuan gibt’s hier das klassische Big Mac Menü.

Am Nachbartisch sitzt eine junge Chinesin mit ihrem Kind, welches ganz fasziniert zu uns herüber sieht. Da staunste, denke ich, diese Langnasen gibt es nicht nur im Fernsehen.

Zwar noch nicht richtig gesättigt, aber der Abend ist ja noch lang, geht es zurück ins Hotel.

An der Rezeption finde ich zu meiner Überraschung eine Nachricht. Sie ist von Mister Yang Ciyuan, den ich im letzten Jahr in Berlin getroffen habe. Er arbeitet bei der Guangdong Eisenbahn in Guangzhou und spricht sehr gut deutsch. Er bittet mich, Ihn in seinem Büro anzurufen. Beim ersten Mal erreiche ich jedoch niemand, und so wird erst geduscht. Anschließend versuche ich es erneut und erreiche einen Kollegen. Er sagt mir, auf englisch, dass ich im Hotel warten möge, Herr Ciyuan würde sofort kommen.

Gegen 21.00 Uhr klingelt es an der Zimmertür, Herr Ciyuan ist da und lädt mich zum Essen ein. Natürlich nicht nach Mc. Donald sonder Original kantonesisch, was Schlimmstes befürchten lässt. Noch im Aufzug fragt er mich, ob ich schon einmal Schlange gegessen hätte. Worauf ich sofort antworte, dass ich eigentlich keinen großen Appetit mehr habe und wenn dann sowieso nur vegetarisch essen würde. Auf diese faule Ausrede geht er erst gar nicht ein und entführt mich schnurstracks in ein „noch etwas anderes Restaurant“.

Das Restaurant ist nicht sehr voll, Fußboden und Wände sind mit weißen Kacheln versehen. Ist das wirklich ein Restaurant oder nicht doch eher ein Zoo. Am Eingang und an den Wänden stehen große lange Aquarien und Terrarien, unter den darin befindlichen Getier sind Schlangen noch das harmloseste.

Als er mir die handgeschriebene Speisekarte vorliest wird mir ganz anders. In dem Moment wo er bestellt, flitzen ½ Dutzend Kellnerinnen um unseren Tisch herum. Zunächst fängt es mit grünem Tee und gut gewürztem Rindfleisch noch ganz harmlos an. Beim benutzen der Stäbchen breche ich mir jedoch fasst die Finger. Weiter geht’s mit Reis und Gemüse, welches auch noch ganz o.k. ist.

Nun dass mit der Schlange war leider kein Scherz, auf einem großen Teller wird eine sauber in Scheiben geschnittene und panierte Schlange serviert. Sowohl Herr Ciyuan als auch die gesamte Belegschaft der Gaststätte warten darauf, dass ich etwas von der Schlange probiere. Ich gäbe jetzt ein Königreich für ein Wiener Schnitzel ! Ich könnte im Boden versinken. Wie ich es dann doch fertig bringe, etwas von der Schlange zu essen, bleibt mir ein Rätsel. Linderung erwarte ich in dem nun bestellten Fisch.

In der Erwartung eines knusprigen Fischfilets, werde ich jedoch gnadenlos enttäuscht. In einer weißen Porzellanschüssel schwimmt in einer milchigen Brühe ein zum Teil „angeknabberter“ Fisch.

Nur weil alle herum geduldig darauf warten, dass ich es probiere, tue ichs auch.

Selbst das war noch nicht alles, sozusagen als Dessert gibt’s noch Bambussprossen mit metallicblau schimmernde, glitschig schleimiger Schlangenhaut. Die wollen mich fertig machen, denke ich und würge etwas von dem Zeug hinunter.

Geschafft ich bedanke mich artig für diese „Delikatessen“ bei Herrn Ciyuan und verspreche ihm, mich in Deutschland bei Gelegenheit zu revanchieren.

Noch völlig benommen, jeden Moment damit rechnend tot umzufallen (ob die Schlange wohl giftig war ?) gelingt es mir, irgendwie gegen 23 Uhr mein Hotelzimmer zu erreichen.


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