Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Sonntag den 06.04.1997 - Der 16. Tag - Reise durch (Fant-) Asien

Noch vor dem Frühstück gilt unsere Aufmerksamkeit an diesem Morgen natürlich der Fensterscheibe bzw. dem, was davon übrig geblieben ist. Bis auf ein Tennisball großes Loch ist das Glas noch vorhanden, aber eben in Tausende kleine Stücke zersprungen. Natürlich informieren wir sofort das Zugpersonal, welches auch gleich kommt. Es wird einmal leicht mit dem Zeigefinger gegen die Scheibe gedrückt und mit den Achseln gezuckt, das wars.

Das wars für uns aber nicht, denn so können wir draußen aber auch gar nichts erkennen. Also ist Eigeninitiative gefragt, nach eingehender Beratung wird beschlossen, die Reste der zerstörten Fensterscheibe während der Fahrt nach außen weg zu drücken. Um uns aber an den Splittern nicht zu verletzen, kommt endlich auch das zu diesem Zweck eigentlich nicht mitgenommene Fensterputzgerät zum Einsatz. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten geht es jedoch immer besser, um so größer das Loch wird. Wenig später ist, außer dem Rahmen und einigen Glassplittern im Abteil, von der zerbrochenen Fensterscheibe nichts mehr zu sehen. Endlich wieder freie Sicht. Noch einmal darf dies uns aber nicht passieren, denn jetzt haben wir nur noch eine Fensterscheibe.


Karstberge, Fahrräder,
Reisterrassen... China wie
man es sich vorstellt. Mawei.
Diese Aktion hat sich gelohnt, denn draußen zieht eine Landschaft vorbei die alles bisher darrgewesene zu übertreffen scheint, und das will nun wirklich etwas heißen. Obwohl noch über 500 km von Guilin entfernt ist die ganze Umgebung mit den weltberühmten kegelförmigen Karstbergen durchzogen.

Leider spielt das Wetter mal wieder überhaupt nicht mit, tief hängen die Wolken, und es regnet ein wenig. Andererseits wirkt durch das Wetter die Landschaft besonders geheimnisvoll und gespenstisch.

Die Karstberge sehen aus wie überdimensionierte Baumstümpfe, an den Seiten kahl, schroff und zerklüftet, auf dem Plateau, wenn möglich, ein wenig bewachsen.

Seine Schönheit hat die Gegend einem eher nüchternen, geologisch-historischem Prozess zu verdanken. Vor mehr als 300 Millionen Jahren wurde aus dem Kalksteinboden eines Meeres ein Karstgebirge nach oben gedrückt. Die Erosion formte dann im Laufe der Jahrmillionen die sagenumwobenen Turmkarsthügel und kegelförmigen Berge dieser Gegend und hinterließ diese gespenstisch und zugleich phantastisch anmutenden Gesteinsformationen.

Den Bahnhof von Mawei erreichen wir pünktlich. Wahrscheinlich seit Guiding wurden wir von zwei DF1 gezogen. Die haben nun ihre Tanks leer gefahren und werden somit durch zwei andere DF1 ersetzt. Der ganze Ort ist umgeben von Karstbergen, selbst im Ort stehen einige von diesen Dingen im Weg. Bei uns hätte man sie wahrscheinlich schon dem Straßenbau geopfert!


China oder Fantasien?
Immer weiter fährt der Zug im Zickzack durch das Labyrinth aus Karstbergen. Umgeben sind diese „geklonten Baumstümpfe“ meistens von Reisterrassen, auf denen Bauern ausgerüstet mit Strohhut und Wasserbüffel die noch jungen Reispflanzen bearbeiten.

Bei Xingdian schlängelt sich der Zug wie eine Schlange langsam an den Karstbergen hinauf. Wenige Kilometer nach dem Ort wird der Zug langsamer und bleibt schließlich stehen. Zunächst passiert nichts, dann aber rollt der Zug langsam wieder zurück und bleibt in dem Bahnhof stehen.

Sollte der Zug tatsächlich trotz Doppeldiesellok die Steigung nicht schaffen? Die Dorfbewohner haben die Lage schnell erkannt, und nutzen die Gelegenheit, den Reisenden Suppen, tausendjährige Eier und Hühnerfüße anzubieten.

Auf dem Nachbargleis kommt von hinten ein Güterzug ebenfalls mit einer Doppellok (in orange). Bei dem Güterzug wird die Lok abgespannt und scheinbar unserem Zug vorgespannt.

Unterdessen versucht das Zugpersonal die Fahrgäste durch den Verkauf von Kursbüchern bei Laune zu halten. Zu früh gefreut, unsere Lokomotiven werden nur gegen die des Güterzuges ausgetauscht. Nach erfolgter Bremsprobe geht es auch schon wieder weiter. Scheinbar mühelos bezwingen wir nun den Bergrücken.

Die Kegelberge rücken immer dichter zusammen, manchmal bleibt zwischen Ihnen nur noch Platz für die Eisenbahn.

In der Nähe der Ortschaft Layi geht es eng an und manchmal sogar durch die Karstberge in Kehrschleifen langsam bergauf.

Ich sitze, wie die anderen auch, am geöffneten Fenster, um ja keine gute Gelegenheit für ein Foto zu verpassen. Als urplötzlich ein am Gleis stehender Chinese mit einer langen Bambusstange auf mich einsticht. Nur durch eine blitzschnelle Reflexreaktion drehe ich mich um und kann so verhindern, dass dies, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht ins Auge gegangen ist. Nur das Hemd hat ein Loch abbekommen. Nach dem Schock habe ich erst einmal genug vom geöffneten Fenster und ziehe mich zurück.

Wie ich später erfahre ist der Abschnitt von Kunming nach Guilin für solche Attacken bekannt. Wahrscheinlich aus Langeweile und/oder Arbeitslosigkeit kommen Einige auf solche verrückten Ideen. Auch sehen wir Kinder mit Steinschleudern an der Strecke stehen, die auf den Zug schießen. Nun wird uns auch klar, wie gestern Abend die Fensterscheibe bei uns im Abteil zu Bruch gegangen ist.

Der Irrgarten aus Karstbergen scheint kein Ende zu nehmen, Hauptsache der Lokführer weiß noch, wie er aus dem Labyrinth wieder heraus kommt.

An der Einfahrt in den Bahnhof von Jinchengjiang stehen zwei QJ unter Dampf, vermutlich zur Bedienung der Stichstrecke in Richtung Poluo. Durch die Probleme in Xingdian hat der Zug inzwischen 1 Stunde Verspätung, wir riskieren es daher nicht am Zug zurück zulaufen, um die beiden QJ zu fotografieren.

Die orange Doppellok verlässt uns und wird gegen eine ½ Portion des gleichen Typs gewechselt. Offenbar ist das Karstgebirge jetzt vorüber!

Und richtig das Gebirge ist vorüber, es gibt zwar noch vereinzelt Berge aber eben nicht mehr so spektakulär wie heute Vormittag.

Michael und Lars kaufen sich bei der Minibar ihr Mittagessen. Ich traue dem Angebot jedoch nicht so richtig (nur vegetarisch) und halte mich dann doch lieber an meine mitgenommenen Suppen.


Zwei Dieselloks der Baureihe
DF4 waren mit einem
Güterzug im Bahnhof von
Jingchengijang auf die
Weiterfahrt.
Bis wir die 600 000 Einwohner zählende Stadt Liuzhou erreichen wird die Gegend immer flacher. Liuzhou ist eine industriell aufstrebende, malerisch am Liu Jiang gelegene, typisch südchinesische Kreisstadt. Es ist ein großer Bahnhof mit mehreren Bahnsteigen, Bahnsteigdächern und sogar elektronischen Zugzielanzeigern. Die Bahnsteige zumindest sind auch ganz nützlich, ist es doch noch immer leicht am Nieseln. Wir wechseln die Fahrtrichtung, und obwohl der Bahnhof elektrisch ist, bekommen wir eine DF4 vorgespannt. Kurz nach Verlassen des Bahnhofs überqueren wir auf einer Brücke den Liu Jiang Fluss.

Wie sich schnell herausstellt, ist die Strecke eingleisig und auch nicht elektrifiziert. Die Landschaft wird immer tropischer, welches sich an einer wahnsinnigen Luftfeuchtigkeit und immer häufiger werdenden Bananenplantagen zeigt.

Auch in China gibt es hochmoderne Züge, dies wird uns im Bahnhof von Huangmian demonstriert. Auf Gleis 3 kreuzt uns ein klimatisierter Zug in hellgrüner Farbgebung, und auf Gleis 2 werden wir von einem Doppelstockzug mit geschätzten 120 km/h überholt. Mit den Fahrgästen des Doppelstockzuges würde ich aber doch nicht tauschen, denn nirgends sind die Fenster zu öffnen (Sauna).

Weiter geht es immer am Luoqing Jiang entlang in Richtung Nordost nach Guilin. Die Gegend wird wieder etwas hügeliger.

Der Versuch, heute Abend im Speisewagen etwas vegetarisches zu essen zu bekommen, misslingt. Die ganze Ausstattung des Speisewagens erinnert eh mehr an eine Polizeiwache: Dienstmützen, Gummiknüppel und Handschellen baumeln an den Seitenwänden. Nach einem Blick in die Küche ist mir schlagartig der Appetit vergangen. Bei uns würden die Leute von Gesundheitsamt tot umfallen. Aber hier gibt es entsprechend scharfe Gewürze zum Desinfizieren!

Das Personal in diesem Zug ist nicht so auf zak, wie in dem letzten, selbst unsere Thermoskannen müssen wir selber mit heißem Wasser füllen. Zu diesem Zweck müssen Michael und ich in den Wagen fünf gehen. Dieser befindet sich in der Hartsitzer-Klasse Richtung Zugschluss. Schon beim Öffnen der ersten Wagentür, kommt uns der „typische“ Geruch von Babys und Kleinkindern entgegen, deren Windeln in der drangvollen Enge offensichtlich nicht gewechselt werden konnten, das Ganze vermischt mit Schweiß, Zigarettenrauch und Schnaps. Nichts für empfindliche Nasen. Über Unmengen an Gepäck, von zentnerschweren Kisten, kubikmetergroßen Pappkartons, Fahrrädern, riesigen Kanistern bis hin zu lebenden Tieren, seien es Dutzende Hühner, eingepfercht in Maschendrahtkäfigen oder auch Schweine und Ziegen, kämpfen wir uns vor zu Wagen fünf. Eine Enge, die kaum nachvollziehbar ist. Ich glaube, wir haben die falsche Klasse gebucht, China lernt man erst in einem Hartsitzer so richtig kennen (und schätzen ?) Sozusagen in vollen Zügen genießen. Aber freundlich sind sie ja, die Chinesen, überall wird uns zugewunken, oder man möchte mit uns ins Gespräch kommen.

Am Wagen 5 angekommen heißt es erst einmal warten, vor uns hat sich eine Schlange aus Thermoskannen gebildet, die alle mit heißem Wasser gefüllt werden wollen. Aber es geht schnell weiter, nach ein paar Minuten stehen wir vor einem riesigen mit Holz befeuerten bis unter die Decke reichenden Wasserkessel. Ein eigens für diesen Zweck angestellter Eisenbahner ist für den Betrieb und die Wartung zuständig. Auffüllen müssen wir unsere Thermoskanne aber noch selber.

Inzwischen ist es dunkel geworden, mit 2 Stunden Verspätung kommen wir endlich im Hauptbahnhof von Guilin zum Stehen. Der Zug hält auf Gleis 1 des überdachten Bahnsteigs. Neben den bewährten Verkaufswagen gibt es diesmal auch einen mit Obst. Eine Flasche Pflaumenwein können wir aber leider nicht finden. Vor dem erhöht gelegenen Bahnhof riesige bunte Leuchtreklame, dass ich glauben könnte, ich befände mich auf Gleis 1 des Essener Hauptbahnhofs.

Mit über 2 Stunden Verspätung geht es ohne Lokwechsel weiter. Dieser findet dann in Guilin Bei statt. Auf dem Nebengleis finden wir den Doppelstockzug, der uns in Huangmian überholt hat. Auch hier ist kein Pflaumenwein aufzutreiben. So müssen wir den Tag eben mit einer Flasche Weißwein aus dem Speisewagen abschließen.


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