Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Samstag den 05.04.1997 - Der 15. Tag - Abwärts

Als die ersten Sonnenstrahlen ins Abteil fallen, ist es 7.00 Uhr. Aus den Tälern der nicht mehr so hohen Berge steigen noch einige Nebelschwaden empor. Es dürfte ein warmer und sonniger Tag werden, nicht eine Wolke trübt den tiefblauen Himmel. Die Berge sind bis zu den Gipfeln bewaldet, in den Tälern ist hier und da mal ein See zusehen.


Morgendliche Berufspendler
auf dem Bahnsteig von Mu
Yang Cun.
Die Besiedlung nimmt zu, der Zug nähert sich Kunming, der Stadt des Frühlings (Eine wirklich treffende Bezeichnung). Die fast zwei Millionen Einwohner zählende Hauptstadt der Provinz Yunnan, liegt auf einem 2000 Meter hohen Plateau. Die geschützte Lage begünstigt das milde Klima, mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 18o C herrscht hier das ganze Jahr Frühling.

Langsam rollen wir durch die ersten Vorstädte und über Bahnübergänge, vor denen sich viele Menschen stauen. Überall wird gebaut, ja ganz neue Wohnviertel entstehen aber nicht langweilige Plattenbauten, wie sie im Osten Europas überall zu finden sind. Faszinierend auch die Bambusrohrgerüste, die ein ganzes Gebäude umspannen und nur durch Seile zusammen gehalten werden.

Klassische Marschmusik dröhnt aus den Zuglautsprechern, mit exakt 2 Stunden Verspätung kommen wir im Hauptbahnhof von Kunming zum Stehen.

Es ist ein großer Bahnhof mit vielen Bahnsteigen, und sie haben alle eine Überdachung. Wir versammeln uns wieder auf den Bahnsteig in der Hoffnung, dass wir abgeholt werden, aber es kommt niemand.


Bahnhofsvorplatz von
Kunming.
Wir gehen also in Richtung Ausgang, aber auch dort wartet niemand auf uns. Den Berechnungen des „Büros“ zufolge müssten wir in Kunming um 12.30 Uhr nach Guangzhou weiterfahren, allzu viel Zeit bleibt also nicht. Nachdem 40 Minuten vergangen sind, und es 11.00 Uhr ist, erscheint doch noch eine kleine Frau von CITS. Sie entschuldigt sich dafür, dass wir warten mussten, aber bei der Eisenbahn hätte man ihr die falsche Ankunftszeit gesagt. Mit ihr verlassen wir durch die Sperre den Bahnhof, um gleich nebenan zu einem Warteraum für VIP bzw. Softsleeper Reisende zu gehen. Hier können wir unser Gepäck deponieren und bekommen unsere Fahrkarten nach Guangzhou ausgehändigt.

Noch 45 Minuten Zeit bis wir zu unserem Zug können, die Michael und ich für eine kurze Stadtbesichtigung nutzen. Wie wohl in jeder chinesischen Großstadt ist auch hier vor dem Bahnhof tierisch etwas los. Obwohl es breite von Auto und Fußgänger abgetrennte Radwege gibt, fahren oder gehen alle durcheinander. Moderne Hotelpaläste und Bürobauten stehen im starken Kontrast zu kleinen alten Geschäften. In einem gut sortierten Supermarkt mit Selbstbedienung (in Russland, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, immer noch ein Fremdwort) kaufe ich mir noch etwas Proviant. Die Aufmachung der Verpackung hat gar nichts mit dem zu tun, wie ich es aus der DDR bzw. der CSFR kenne. Sie ist bunt, ansprechend und wie in meinem Fall erheblich umfangreicher als der Inhalt. Eine Verpackungsverordnung gibt es hier wohl noch nicht ? Wenn diese merkwürdigen Schriftzeichen nicht wären, könnte das auch ein Supermarkt irgend wo in Deutschland sein.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof überqueren wir ein altes Schmalspurgleis, welches aber schon seit längerem nicht mehr befahren wurde. Es dürfte zu der Schmalspurbahn gehören, die ins vietnamesische Hanoi führt.


Auch nicht ohne ist die
Bahnfahrt von Kunming in
Richtung Guilin. Serpentinen,
Kehrschleifen, Tunnel,
Brücken... Es mangelt an
nichts. Beikaiwang.
Nach und nach treffen wieder alle im Warteraum ein, auch Tobias der uns anfangs irgendwie aus den Augen verloren haben muss. Noch im Warteraum werden die Fahrkarten kontrolliert. Hierbei stellt Ewald fest, dass ihm die Geldbörse mit Fahrkarte gestohlen wurde. Er versucht, dies dem Bahnhofspersonal durch Gesten verständlich zu machen, die geben aber unmissverständlich zu verstehen - ohne Fahrkarte keine Bahnfahrt.

Unterdessen wird an Gleis 1 unser Zug 366 nach Guangzhou bereit gestellt. An der Spitze ist eine SS3 dann folgen: Packwagen (XL), 5 Hartschläfer (YW), 1 Weichschläfer (RW), Speisewagen, 5 Hartsitzer (YZ) und wieder ein Packwagen. Die Zugbildung ist fast identisch mit dem letzten Zug, wir haben auch wieder Wagen 7 neben dem Speisewagen aber diesmal die Abteile 3,4 und 5.

Ewald hat mal wieder mehr Glück als Verstand, 10 Minuten vor der Abfahrt taucht auf dubiosen Wegen zumindest die Fahrkarte wieder auf.

So verlassen wir alle 10 pünktlich um 12.30 Uhr mit Zug 366 Kunming bei schönstem Sonnenschein in Richtung Guangzhou. Hoch oben auf einem Bahndamm geht es in flotter Fahrt durch die Stadt. Wenig später überqueren wir einen Grund für ein späteres Wiederkommen, die Schmalspurbahn in die vietnamesische Hauptstadt Hanoi.

Winzige Dörfer mit ein oder zweistöckigen Lehmhäuser, lockern das Bild auf. Überall auf den Feldern sind Menschen und Tiere bei der Arbeit Schnell aber wird die Umgebung einsamer, die überwiegend zum Reisanbau genutzt wird. Die Trasse führt durch eine typische Mittelgebirgslandschaft.

Die Minibar kommt mit einer erfrischenden Abwechslung - Ananas am Stiel das Stück für 1 Yuan, die sich zu einem echten Verkaufsschlager entwickeln.

Xuanwei – Einfahrt auf Gleis 1 und Lokwechsel auf SS1. Diese ab 1969 in Serie gebauten Lokomotiven werden von sechs Reihenschluss-Gleichstrom-Motoren in Tatzelagerbauweise angetrieben. Die Stundenleistung beträgt 4200 kW, ihre Dauerleistung 3780 kW. Die Maschinen haben ein Gewicht von 138 t und sind für 95 km/h zugelassen.

Neben dem bekannten Angebot der Verkaufswagen gibt es Bananen, gekochte Eier, ½ Hähnchen, Ananas am Stiel und sogar gut gewürzte Pellkartoffeln am Stiel zu kaufen.

Leider wird am späten Nachmittag das Wetter schlechter, immer mehr Wolken verdecken den Himmel. Vorbei geht es an stillgelegten oder bewirtschafteten Reisterrassen. Überall gehen Menschen im Gleis entlang, so dass die Lok beinahe ständig pfeifen muss.

Die Strecke ist eingleisig, hierdurch bedingt sind viele Kreuzungsaufenthalte nötig, denn wir haben nicht immer Vorrang. Über 150 Tunnel haben wir durchquert, als sich urplötzlich, nach der Ausfahrt aus einem Tunnel, vor uns links ein tiefes Tal öffnet. Für gewöhnlich ist es ja so, dass man erst einen Berg hinauf fahren muss, um ihn anschließend auf der anderen Seite wieder hinab fahren zu können. Wir jedoch sind schon oben, ohne das wir hinauf gefahren sind. Oder liegt es an der großen Höhenlage von Kunming?

Die Berge sehen ganz anders aus als tags zuvor, vom Gipfel bis zur Talsohle sind sie komplett mit Reisterrassen bebaut. Ohne nennenswert an Höhe zu gewinnen oder zu verlieren, folgen wir dem Tal welches immer wieder von Seitentäler durchbrochen wird, die der Zug auf Stahlbrücken überqueren muss. Schade, dass das Wetter so trübe geworden ist. Tunnel folgt auf Tunnel, als sich nach einem weiterem Tunnel bei Beikaivang vor uns ein noch viel größerer Talkessel zeigt. Auch diesmal fahren wir mit dem Zug in Gipfelhöhe, von wo es mehrere 100 m abwärts geht. In 3 – 4 langen Kehrschleifen verliert der Zug zwar an Höhe, kommt der Talsohle aber kaum näher. Der Bahnhof liegt innerhalb einer Kehrschleife und wurde zwischen zwei Tunnels gebaut. Die Lichtverhältnisse werden leider immer schlechter, Fotografieren ist kaum noch möglich. Merkwürdig auch, dass diese Bergregion in keiner Karte verzeichnet ist?

Beim Halt im Bahnhof von Luipanshui ist es endgültig dunkel, außerdem hat es angefangen zu regnen. Auch nach der Abfahrt folgt Tunnel an Tunnel, die wir zwar nicht mehr sehen aber um so besser hören können.

Wir haben es uns bereits bequem gemacht und das Licht ausgeschaltet, als es um 21.45 Uhr einen lauten Knall gibt. Ich denke mir zunächst nichts dabei, bis Michael kurz darauf das Licht einschaltet, und wir sehen was passiert ist: Irgend ein Gegenstand hat die äußere der beiden Fensterscheiben zertrümmert, und die Splitter des Sicherheitsglases sind über die unteren Betten verstreut. Wir entfernen die Splitter und ziehen das innere ganz gebliebene Fenster herunter. Um alles weitere müssen wir uns dann morgen kümmern.


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