Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Donnerstag den 03.04.1997 - Der 13. Tag - Tal - Total

Von der Neubaustrecke habe ich vielleicht nicht viel gesehen und - aufgrund der sehr guten Gleislage - auch nichts gemerkt, aber gehört ! Es muss nach Guyuan gewesen sein, als ein Tunnel dem anderen folgte, wovon einige beträchtliche Längen haben mussten. Zu hören und zu spüren an den Luftdruck- und Geräuschschwankungen.

Acht Uhr und keine Lust aufzustehen.

Die Landschaft hat sich erneut wieder radikal verändert zu gestern. Was sich jedoch nicht verändert hat, ist das Wetter: Immer noch bedecken dicke Wolken den Himmel.

Seit Baoji haben wir die Seidenstrasse verlassen und fahren nun auf der sogenannten Bao-Cheng Linie in Richtung Süden. Die Strecke ist eingleisig und elektrisch.

In Baoji begann 1958, mit der Elektrifizierung der Strecke nach Chengdu, das Zeitalter der Elektrotraktion. Als erstes Streckenstück wurde im August 1961 der 93 km lange Abschnitt Baoji – Fenzhou unter Strom gesetzt, während der Fahrdraht Chengdu dann schließlich im Juli 1975 erreichte. Die Verantwortlichen im Eisenbahnministerium votierten mit bewundernswerter Weitsicht von Anfang an für das Wechselstrom-System von 25 kV Spannung und der sogenannten Industriefrequenz von 50 Hz.


Eine Fahrt entlang des Li
Fluss ist wie das Rheintal auf
Chinesisch.
Wir fahren auf der rechten Talseite des Jiang Flusses entlang in Richtung Süden, an dessen steilen Ufern über 2000 m hohe Berge emporragen, die aber gar nicht so hoch aussehen, welches wahrscheinlich daran liegt, dass wir uns selber sehr hoch befinden. In engen Kurven geht es schnell wechselnd von Tunnel zu Tunnel und von Brücke zu Brücke, ungefähr 20 m oberhalb der Talsohle flussabwärts. Wo immer es die steilen Hänge ermöglichten wurden Weinstöcke angelegt oder Obstbäume gepflanzt. Außer der Eisenbahntrasse folgt dem Fluss am linken Ufer nur ein kleiner Pfad.

Michael meint, es sähe hier aus wie im Aartal und richtig, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen. Wenn hier auch alles ein paar Nummern größer und vor allem länger ist.

Beim ersten Halt, den ich mitbekomme, in Lüyang haben wir gleich mehrere Zugkreuzungen und bekommen dadurch 15 Minuten Verspätung.

Im Speisewagen wird Richard Claydermann gespielt und man bittet um Punkt 12.00 Uhr zur Volksspeisung.

Plötzlich gibt es einen heftigen Ruck und nach wenigen Metern steht der Zug. Zwar in einem Bahnhof jedoch nicht an einem Bahnsteig, Zwangs- Not- oder Schnellbremsung wir wissen es nicht. Wenig später überholt uns ein Schienenbus der örtlichen Bahnmeisterei mit angehängtem Flachwagen. Dies lässt nichts gutes befürchten – Fahrleitungsschaden ? Nichts geschieht. Nach einer ½ Stunde geht es ohne erkennbaren Grund weiter.

Jedoch nicht sehr weit. In Gautangi hält der Zug erneut an. Wir stehen in einer engen Kurve, das Tal ist hier sehr steil. Nur das Rauschen des Flusses ist zu hören, der hier mit einer abenteuerlichen Hängebrücke überquert werden kann. Am Hang, zum Fluss hin, grasen einige Ziegen und Kühe. Einige Frauen aus dem Dorf nutzen die Gelegenheit, den Reisenden Fertigsuppen zu verkaufen, heißes Wasser wird in Thermoskannen gleich mitgeliefert. Nach fast einer Stunde nähert sich aus der Gegenrichtung ein Personenzug. Nachdem der andere Zug den Bahnhof ohne Halt passiert hat, fahren wir weiter.

Obwohl das Tal nur sehr dünn besiedelt ist, laufen überall am Gleis Menschen herum. Je weiter es Richtung Süden geht, wird auch das Wetter wieder besser.

Nach dem Halt in Yangpinggu bricht gerade zu der Frühling aus, es grünt, blüht und wächst an allen Ecken. Mit einem Wahnsinnsaufwand ist man dabei die Strecke zweigleisig auszubauen. Gleichzeitig werden riesige Talbrücken und Sporntunnel gebaut, um die Strecke zu begradigen. Das Tal gleicht in weiten Abschnitten einer Grossbaustelle, denn auch an dem linken Flussufer wird gebaut. Dort entsteht eine Strasse, deren kleine Brückenbauten etwas an mittelalterliche Methoden erinnern. Nahezu alle Erdbewegungen und Steinarbeiten werden durch Handarbeit ausgeführt. Mit kleinen Drahtseilbahnen, an denen kleine Eimer hängen, wird das Material von einem Ufer zum anderen befördert.

Der Zug nähert sich der Stadt Guanyuan, das Tal weitet sich, auch die Berge sind nicht mehr so hoch und steil. Langsam rollt der Zug in den Bahnhof und wir glauben unseren Augen nicht zu trauen. Sind wir wirklich noch in der Volksrepublik China ? Sowohl Bahnhof als auch die Stadt sind supermodern, man könnte fast vom Boden essen. Bahnsteigdächer, getönte Fensterscheiben. Und als Knüller die „feste Fahrbahn“ die sich in Deutschland noch in der Erprobung befindet hier jedoch bereits Realität ist. Marmor, Glas und Stahl dominieren, überall wird gebaut. Was für ein Kontrast zu den Berichten über Chinas Eisenbahnen in Deutschland. Eine Stadt vom Reisbrett, quadratisch, praktisch, gut.

Lokwechsel die SS2 verlässt uns und wird durch eine SS3 ersetzt. Nach der Abfahrt ein Blick auf die Uhr: Schock - fast 2 Stunden Verspätung.

Wir verlassen das Tal, in dem wir seit dem frühen Morgen gefahren sind, und biegen nach rechts ab. Die Landschaft verändert sich, immer mehr Bäume tauchen auf. Das Tal ist weit und der Fluss breit, langsam geht es wieder bergauf. Schneller als erwartet verengt sich das Tal und die Berge werden steiler, befinden sich aber immer noch unterhalb der Vegetationszone. Wieder geht es in schneller Folge durch Tunnel und über Brücken, so dass einem kaum Zeit bleibt zu fotografieren Über lange Betonbrücken werden Seitentäler überwunden und durch mehrere Kilometer lange Tunnel die Wasserscheide. Auch hier an der Strecke werden weder Kosten noch Mühen gescheut, die Trasse zu begradigen. Fährt die Eisenbahn jetzt noch fast jedes Seitental und jeden Flussbogen aus, wird sie dies zukünftig nicht mehr machen müssen.

Unterdessen ist es dunkel geworden, und wir können uns mehr dem Leben im Zug widmen.

Irgendwie hat das „Büro“ es geschafft, die Neugier eines jungen Chinesen in Uniform zu erwecken. Auf jeden Fall ist er ganz aus dem Häuschen, dass er mit den Langnasen Kontakt aufnehmen darf. Zuerst möchte er wohl nur bei uns zu Abend Essen, dann scheint er sich aber auch für das Woher und Wohin von uns zu interessieren. Er spricht ein ganz klein wenig englisch, und so erklären Harald und ich ihm anhand von Fotos, was wir so machen. Er schreibt uns auf chinesisch etwas auf, was wir natürlich nicht lesen können. Wie sich aber später heraus stellt, ist es die Lage einer Raketenstation in den Bergen. Besser nicht weiter darüber nachdenken, wenn das die falschen Leute bei uns gefunden hätten. Die Minibar kommt mit einem rollendem Gemüsebüfett. Für 5 Yuan lasse ich mir etwas aus Paprika, Bohnen, Bambussprossen, Reis und anderem Grünzeug zusammen stellen. Es ist schön scharf und schmeckt überraschend gut.

Peter und Tobias treffen im Waschraum eine Chinesin, die an der Uni in Chengdu Englisch studiert. Ihr Name ist Cheng Wei Ying oder einfacher Lucy. Für uns die Gelegenheit, auch in China das Mau-Mau Spiel einzuführen, welches von uns mit Erfolg praktiziert wird. Zusammen mit Lucy und einer vorzüglichen Flasche Pflaumenwein aus dem Speisewagen geht es Chengdu entgegen.

Mit gut 3 Stunden Verspätung erreichen wir endlich um 0.40 Uhr den Hauptbahnhof von Chengdu.

Die über 2000 Jahre alte Stadt hat heute etwa 3,7 Millionen Einwohner und sich im Gegensatz zu manch anderen chinesischen Metropolen eine ganz besondere Atmosphäre erhalten.

Der junge Chinese kommt und verabschiedet sich freudestrahlend von uns. Auf dem Bahnsteig werden wir bereits von einer Chinesin von CITS erwartet, zusammen mit ihr und Lucy gehen wir durch die Unterführung zum Ausgang. Die Fahrkarten brauchen wir diesmal nicht abgeben.

Vorm Bahnhof wird Lucy von ihrem Freund erwartet, und uns trifft der nächste Schock. Wer begrüßt uns von einem großen Transparent? Der Marlboro Mann. Ich frage mich zum zweiten Mal, sind wird auch wirklich noch in der Volksrepublik China?

Trotz der späten (frühen) Stunde ist auch hier der Vorplatz noch mit Menschen überfüllt. Viele bieten sich an, uns mit ihrem Auto zu befördern. Ohne weiteres Aufsehen gehen wir jedoch zu unserem Bus und fahren mit ihm zum 3 Sterne Hotel „Tibet“. Todmüde wie wir alle sind, halten wir uns nicht lange mit dem Einchecken auf. Michael und ich haben Zimmer 723 und 15 Minuten später ist Feierabend.


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