Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Mittwoch den 02.04.1997 - Der 12. Tag - Die Mauer


Nur noch Fragmente sind
auf weiten Abschnitten der
angeblich so großen
Chinesischen Mauer zu sehen.
Michael und Ewald haben ihren Kaffee schon auf, als ich gegen 8 Uhr den neuen Tag beginne. Den ersten Höhepunkt des Tages habe ich dadurch schon verpasst. Den Beginn der Grossen Mauer bei Jiayuguan. Ich werd’s überleben, zumal wir laut Karte bis Zhongwei fast parallel zu ihr fahren müssten. Beim ersten Blick aus dem Fenster trifft mich dann aber doch fast der Schlag. Das Wetter hat sich radikal verschlechtert, dicke Wolken und leichter Nebel behindern die Sicht. An einigen stellen liegt sogar frisch gefallener Schnee. Gestern noch die sengende Hitze der Wüste und heute – Neuschnee. Was für ein verrücktes Land. Die Landschaft ist eher flach, aufgelockert durch Sträucher, Pappeln und gelegentlichen Reisterrassen.

Neben leichtem Nieselregen empfängt uns im Bahnhof von Zhangyie auf einem Nebengleis ein total überfüllter Zug, wo wir Touristen für einiges Aufsehen sorgen, Plattnase bestaunt Langnase und umgekehrt.

Die Karte hatte recht, bei Dongle geht es in Sichtweite entlang der Grossen Mauer. Die Bezeichnung Mäuerchen wäre treffender, ist sie doch an vielen Stellen gar nicht mehr vorhanden. Ob dort, wie in Berlin, auch Mauerspechte am Werk waren ? Vielfach ist nur ein kleiner Lehm- oder Erdwall zu erkennen, von großen Wehrtürmen keine Spur. Regelrecht im Zickzack hat man die Eisenbahn mal links mal rechts der Mauer gebaut.


Dienstanweisung zum
ordnungsgemäßen Grüßen
des Personals. Bahnhof
Liandun
Immer seltener sind Spuren von Vegetation zu sehen, höchstens mal ein kleiner Busch. Hier scheint sich der Streckenabschnitt zu befinden, der überarbeitet wurde, sind wir doch im Vergleich zum alten Fahrplan fast 3 Stunden schneller geworden. Der Oberbau ist sehr gut, sowohl auf der Strecke als auch im Weichenbereich liegen die Schienen fest verschraubt auf Betonschwellen, nur verschweißt sind die Schienen noch nicht.

In einer Art von „chinesischem Semmering“ geht es bei Youshi in weiten Serpentinen bergauf. Um große Steigungen zu vermeiden und dadurch höhere Zuglasten zu ermöglichen, wurde die Strecke hier komplett neu trassiert. Die alte Trasse ist noch gut zu erkennen, sie führt fast mittig der Serpentinen schnurgerade bergauf. Je höher wir kommen, um so enger wird das Tal. Am Pass angekommen ist der Nebel so dicht, dass wir vielleicht gerade mal 100 m weit sehen können.

Schneeregen setzt ein, Leo liegt im Bett und ist krank. Udo bekommt von unserer Schaffnerin seine erste schriftliche Abmahnung (die aber keiner Lesen kann) wegen zu spätem Einsteigen beim Halt in Bahnhöfen. Die Schaffnerin ist sowieso nicht gut auf uns zu sprechen, weil ihr immer noch ein Mülleimer in ihrer Sammlung fehlt. Die Sorgen möchte ich haben!?

14.42 Uhr. Wir erreichen die Stadt Wuwei Nan im Regen, einen bedeutenden Abzweigbahnhof. Hier beginnt der elektrische Zugbetrieb und zweigt die Strecke nach Lanzhou ab. Der Zug hält am Hausbahnsteig unmittelbar neben einem hypermodernem Empfangsgebäude. Die DF4, die den Zug seit Zhangyie gezogen hat, verlässt uns und wird durch die SS4 0385 ersetzt. 1986 wurden erstmals diese 184 t schweren, achtachsige Bo’Bo‘+BoBo‘- Doppellokomotiven mit 6400 kW für die Beförderung von Schwergüterzügen bis zu 5000 t beschafft. Nach 17 Minuten fahren wir weiter Richtung Zhongwei und haben damit die ursprünglich geplante Route über Lanzhou verlassen.

Die Umgebung der Trasse wird nun landwirtschaftlich genutzt. Jedes der Felder ist durch eine Reihe Pappeln von dem anderen getrennt.

Wenige Kilometer weiter hält der Zug in einem Betriebsbahnhof, auf Gleis 1 steht ein Güterzug mit einer SS3 an der Spitze. Wenig später kreuzt uns auf dem Nebengleis ein Personenzug, welches darauf schließen lässt, dass ab hier die Stecke wieder eingleisig ist.

Und richtig, dem ist auch so, was uns doch ein wenig wundert. Ist die Strecke doch gerade erst neu elektrifiziert worden und muss nun die Hauptlast im Verkehr tragen. Wiederum sind wir erst wenige Kilometer gefahren, als uns fast rechtwinklig noch einmal die Grosse Mauer kreuzt, dann mehrere 100 m der Eisenbahn folgt, um sie schließlich erneut im spitzen Winkel zu kreuzen. Bis auf einige kleine Mauerreste aus Lehm ist nicht mehr viel übriggeblieben.

Mehrere Stunden fahren wir durch eine nur leicht hügelige mit kleinen Grasbüscheln bewachsene Landschaft. Gäbe es diesen Bewuchs nicht könnten es auch Dünen in einer Sandwüste sein. Um Unterspülungen bei starken Niederschlägen an der Bahntrasse zu verhindern, sind in regelmäßigen abständen Durchlässe angelegt worden. Um zu vermeiden, dass das Wasser nicht nebenher sondern hindurch fließt, wurden Steindämme aufgeschüttet die trichterförmig auf die Durchlässe zuführen.

Es gibt keine Strasse, nur eine Strom- und Telegrafenleitung führen parallel zu Eisenbahn.

Nächster Halt: Bahnhof Gantang. Zwei Gleise neben unserem Zug steht ein Güterzug mit zwei Diesellokomotiven an der Spitze. Neben G-Wagen, Kesselwagen und Flachwagen mit Schienen befinden sich auch Flachwagen mit Planierraupen darunter, bei denen die Fahrer gleich mit geliefert werden, was bei der kalten Witterung während der Fahrt doch recht ungemütlich werden dürfte. Mit lautem Getöse setzt sich der Güterzug Richtung Wuwei Nan in Bewegung. Bei dem Bahnhof scheint es sich eher um einen Betriebsbahnhof zu handeln, denn weit und breit ist nicht ein Haus zu sehen. Dennoch steigen einige Fahrgäste aus.

Die Stecke ist nun wieder zweigleisig, wohl auch um den Verkehr über das sich in der Ferne ankündigende Gebirge besser abwickeln zu können. In mehreren riesigen Kehrschleifen geht es bei Shang Li Shui bergauf.


Immer von neugierigen
Blicken begleitet, das
Einkaufen in China der
"Langnasen". Bahnhof
Lüeyang
Hier an den beiden Zhongwei-Rampen gaben sich noch vor wenigen Jahren die Eisenbahnfotografen quasi die Klinke (oder besser die Kamera) von Hand zu Hand, gehörten doch QJ-Doppeltraktionen mit Schiebelok und entsprechender Dampf- und Geräuschentwicklung zum Alltag. Inzwischen leider alles vorbei.

Nachdem der Pass überwunden ist, geht es wiederum durch Kehrschleifen, abwärts. Von rechts nähert sich wenig später ein breites aber tief eingeschnittenes Flusstal. In seinem Bett fließt der bedeutendste Fluss Chinas – der Gelbe Fluss.

Er ist mit 5464 km Länge nach dem Yangzi der zweitlängste Chinas. Wir folgen dem immer breiter werdenden Flusstal. Erste menschliche Besiedlung, eine qualmende Fabrik, kommt in Sicht. Wir nähern uns der Industriestadt Zhongwei. Schade, dass es jetzt anfängt zu Dämmern, mit Fotografieren ist nicht mehr viel drin. In leichtem Gefälle geht es talwärts und je mehr wir uns dem Flussufer nähern, nimmt auch der Bewuchs zu. Erste Pappeln tauchen auf. Unser Zug fährt an der schon von weitem gesehen Fabrik vorüber, dort sehen wir, wie einige Dutzend Güterwagen per Hand mit Kohle beladen werden. Einige Kilometer weiter halten wir dann im Bahnhof von Zhongwei.

Wie bei jedem Halt werden auch hier sofort die Türen zur Toilette und zum benachbarten Speisewagen verschlossen.

Hinter einer Reihe von Packwagen sind zahlreiche Dampfloks abgestellt. An der Spitze übernimmt eine Elektrolok der Baureihe 6G die Führung. Es ist eine 1972 von Alsthom in Frankreich gebaute Co’Co‘ Lokomotive mit 5350 kW, einem Gewicht von 138 t und 120 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Nach 15 Minuten geht es weiter, dem nächsten Höhepunkt entgegnen, nur ist es inzwischen völlig dunkel geworden.

Hier in Zhongwei beginnt die erst Gestern offiziell für den Personenverkehr in Betrieb genommene 498 km lange Neubaustrecke nach Baoji. Zuvor fahren wir einige Kilometer parallel zur Strecke nach Datong, um dann scharf rechts abzubiegen. Auf einer langen eingleisigen Betonbrücke überqueren wir den Gelben Fluss. Trotz der Eingleisigkeit, erinnert die Strecke in manchen Dingen doch etwas an die Neubaustrecken der DB – natürlich abgesehen von der Geschwindigkeit. Vom weiteren Streckenverlauf ist wegen der Dunkelheit nichts mehr zu erkennen.


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