Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Dienstag den 01.04.1997 - Der 11. Tag - Desert Wind

Es dämmert, als mich um kurz nach 7 Uhr der Wecker aus den Schlaf reist. Beim Blick aus dem Fenster ist die Stadt nicht wieder zu erkennen, die Strassen sind wie ausgestorben, der Smog hat sich verzogen, und nicht ein Wölkchen trübt den stahlblauen Himmel. Nur ein Schornstein stößt dunkle Wolken aus.

Um 8.00 Uhr treffe ich mit Udo in der Lobby ein. Dort ist noch alles dunkel, in einer Sitzecke liegt der Portier und schläft. Nach und nach treffen auch die Anderen ein. Hinter der Rezeption ist ein lautes Gähnen zu hören, Hände recken sich empor. - Guten Morgen - Die Rezeption ist aufgewacht, und das um 8 Uhr!

Zusammen mit den Anderen gehen wir zum Frühstück, genau dort, wo wir gestern zu Abend gegessen haben. Der Raum ist leer und nur ein Tisch gedeckt, an welchen wir Platz nehmen. Es gibt; Kaffee, Brot, Marmelade, Eier, Butter, Käse und – Stäbchen. Jetzt soll mir mal ein Chinese zeigen, wie ich mit den Stäbchen Butter und Marmelade aufs Brot bekomme ? Zum Glück habe ich diesmal wenigstens mein Taschenmesser dabei. Es schmeckt vorzüglich, wenn es auch für 10 Personen etwas knapp bemessen ist.

Neun Uhr: Unser Mann von CITS mit dem Bus kommt vorgefahren Wir holen unser Gepäck und fahren mit dem Bus zum Bahnhof. Auf den Strassen herrscht mittlerweile wieder dasselbe Chaos wie tags zuvor. Auch an die Blicke der Einheimischen am Bahnhofsvorplatz haben wir uns nun schon gewöhnt. Sie hindern uns nicht, einige Fotos vom Bahnhofsgebäude zu machen.

Die erste Hürde (Fahrkartenkontrolle) am Eingang des Gebäudes nehmen wir noch ohne Schwierigkeiten. Bei der Zweiten wird es wesentlich schwieriger, Röntgenkontrolle fürs Gepäck. Mit allem hätte ich auf einem chinesischem Bahnhof ja gerechnet, aber nicht damit. Eigentlich wollten wir mit dem Zug nach Chengdu fahren und nicht fliegen. Auch wenn das Gerät sehr modern aussieht und „FILMSAVE“ darauf steht, mache ich mir größte Sorgen um meine bisherigen und zukünftigen Aufnahmen. Es nützt alles nichts, das ganze Gepäck muss hindurch. Wir selber werden aber nicht durchleuchtet, so kann ich wenigstens meine Kamera retten. Irgendwie rührend wie man sich um die Sicherheit der Fahrgäste bemüht. Wahrscheinlich sind die Kontrollen aufgrund diverser Anschläge von Separatisten so genau.


Zuglok DF4-7261 der
Chinesischen Staatsbahn vor
Zug 314 nach Chengdu im
Bf. von Urumqi.
Durch eine Halle, an deren Wänden sich einige Verkaufsstände befinden und in deren Mitte ein uniformierter Ordner sitzt, gelangen wir über eine Treppe in das obere Stockwerk. Durch eine Tür kommen wir in eine Art VIP Raum, der nur Touristen und/oder Schlafwagenreisenden zugänglich ist. Der Raum ist mit einer dicken Polstergarnitur, einem Fernseher und Teekannen ausgestattet. Das Betreten der Bahnsteige ist in China frühestens ½ Stunde vor Abfahrt des Zuges möglich. Sehr zu unserem Leidwesen, hätten wir doch zu gerne uns den Zugbetrieb etwas näher angesehen.

Somit müssen wir uns mit einer Erkundungstour durch das Empfangsgebäude begnügen. Auch für dass gemeine Volk gibt es Warteräume die wesentlich nüchterner ausfallen und zudem überraschend leer sind. Etwas merkwürdig - für jeden Zug gibt es so etwas wie Wartereihen, die durch Zugnummern am Anfang der Reihe gekennzeichnet sind.

Anschließend kaufe ich mir in der Halle eine Limonade (westlichen Typs) und ganz wichtig die neuen Städteverbindungen von Urumqi.

Exakt 30 Minuten vor der Abfahrt können wir, noch vor allen anderen, auf den Bahnsteig. Hier müssen wir uns von dem CITS Mann verabschieden, denn er hat keine Fahrkarte und darf deshalb nicht mit auf den Bahnsteig.

Unser Zug wird hier eingesetzt und rollt gerade an den Bahnsteig. Zug 314 besteht aus: DF4 7261 (Baujahr 1994), es folgen Packwagen, 7 Hartschläfer YW (Yingwoche), 1 Weichschläfer RW (Ruanwoche), Speisewagen CA, 9 Hartsitzer YZ (Yingzouche) und noch einem Packwagen. Alles in allem zusammen also 20 Wagen.

Unser Zug führt demzufolge drei unterschiedliche Wagentypen mit sich, von denen die Hartsitzer erwartungsgemäß den Löwenanteil im Zugverband stellen. Dabei handelt es sich um Großraumwagen, in denen 110 Sitzplätze (2 Reihen drei plus 2) vorhanden sind.

Nur bleibt es trotz eines in den anderen Klassen sehr gut funktionierenden Reservierungssystems nur allzu selten bei 110 Passagieren pro Wagen. So sind 200 bis 300 Reisende in den Hartsitzer-Wagen keineswegs etwas besonderes. Ein einziger Reisezug kann es somit auf gut und gerne 3500 Passagiere bringen, eine Zahl, von der europäische Bahnverwaltungen nur träumen können. Hartschläfer-Waggons sind den etwas reicheren Chinesen vorbehalten. Die „Abteile“ der Hartschläfer sind zum Gang hin offen, es gibt 11´6, also 66 Pritschen je Wagen. Wir gönnen uns aber auf der ganzen Reise die Weichschläfer-Klasse, in diesem Fall ist es Wagen 9 unmittelbar neben dem Speisewagen. Sie zeichnen sich durch ein verriegelbares Vierbettabteil aus, in denen ein ausgesprochenes ruhiges, stressfreies und sehr angenehmes Reisen möglich ist.


Zwischen der Wüste
Taklamakan und dem Tian
Chan Gebirge bei km 1477.
Am Eingang werden wir von einer jungen Schaffnerin in roter Uniform begrüßt. Ein geübter Blick auf unsere Fahrkarten und wir können einsteigen. Es ist kein deutscher Wagen, dies sehe ich gleich, sondern einer aus chinesischer Eigenproduktion.
Die Abteile 6, 7 und 8 sind für uns reserviert, zusammen mit Ewald, Peter und Michael nehme ich das Abteil 8. Es gibt Gardinen vor den Fenstern. Die Betten sind sehr dick gepolstert, mit kunstvoll bestickten Häkeldeckchen überzogen und himmelblaue Rüschen an den Rändern. Natürlich darf auch der übrige Komfort nicht zu kurz kommen. Dafür sorgen ein Tisch mit Lampe, Lesebeleuchtung, regulierbare Heizung und Lüftung, aber auch die Möglichkeit, Radio zu hören, besteht. Ferner gibt es noch zwei Thermoskannen mit heißem Wasser, dafür jedoch kein Samowar, wobei mir letzteres lieber gewesen wäre. Unter dem Tisch am Fenster steht sogar eine kleine Mülltonne, da die uns dort nur stört, stellen wir diese an die Abteiltür, wo ihn die Schaffnerin einsammelt.

Das Abteil sieht zwar insgesamt nicht so sauber aus, dies kann aber, im Gegensatz zur dunklen russischen, auch an der hier hellen Verkleidung liegen. Die sanitären Anlagen bestehen aus einem Waschraum mit zwei Waschbecken und eine normalen Toilette an dem einen und einer Toilette ohne WC-Becken an dem anderen Wagenende. Aber das mit weitem Abstand beste am Wagen ist: Es lassen sich an beiden Seiten alle Fenster öffnen und, zwar jeweils zwei Scheiben getrennt nach oben ! Dadurch ist das hinaus Fotografieren sogar problemlos im Sitzen möglich.

Bevor es losgeht, mache ich noch ein Foto von unserer Zuglok, und pünktlich um 10.33 Uhr fahren wir ab.

Die Sonne scheint, entlang von Industrieanlagen geht es hinaus aus der Stadt. Die Strecke ist zweigleisig und - wie in China allgemein üblich - wird links gefahren. Die Schaffnerin kommt und sammelt die Fahrkarten ein. Im Tausch dafür bekommen wir kleine Plastikkärtchen mit Platznummer und Werbung auf der Rückseite. Das „Büro“ im Nachbarabteil hat indessen seine Arbeit aufgenommen und versucht, im Taschenfahrplan von Urumqi unseren Zug zu finden.

In der Ferne sind links vom Gleis die schneebedeckten Gipfel des teilweise über 5000 m hohen Bogdashan zu sehen.

Entlang einem weitem aber völlig kahlem Tal geht es Richtung Südost. Eine Strasse verläuft parallel, auf der nur wenig Autos verkehren. Wir passieren einen Windpark(!?), wenig später wird das Tal enger und tiefer, die ersten Tunnel tauchen auf. Dann geht es Schlag auf Schlag, Tunnel, Schluchten, Brücken wechseln so schnell, dass weder Zeit zum Mitzählen noch zum Fotografieren bleibt. Es sind jeweils zwei Tunnelröhren, wobei die zweite erst 1994 eröffnet worden ist. So ist zumindest an den Schildern links am Portal zu lesen. Nach 20 km weitet sich das Tal wieder, und der Gebirgszug, Ausläufer des Tianshan, liegt hinter uns. Entlang der linken Talseite geht es weiter, während sich rechter Hand eine weite Tiefebene auftut, die Wüste Takla-Makan. Kein Baum und kein Strauch wächst hier nur Sand und Geröll so weit das Auge reicht. „Takla-Makan“ bedeutet sinngemäß: „Wer dort hineingeht, kommt nie wieder heraus.“


Zuglaufschild des
Expresszuges 314 von
Urumqi nach Chengdu.
Aus dem „Büro“ platzt die Meldung herein, dass der Zug nicht wie ursprünglich 3 Tage und 3 Nächte, sondern nur noch 3 Tage und 2 Nächte bis Chengdu benötigt. Dies bedeutet, dass wir zwar später, aber dennoch am selben Tag wie geplant in Chengdu eintreffen. Die Krönung aber ist, dass der Zug von Wuwei Nan bis Baoji eine andere Strecke befährt und von Zhongwei bis Baoji sogar eine erst heute für den Personenverkehr in Betrieb genommene Neubaustrecke ! Einziger Wehrmutstropfen die zwei Millionen Metropole Lanzhou lassen wir durch diese Änderung rechts liegen.

Der Zug erreicht den Bahnhof Turfan. Die eigentliche Stadt liegt ca. 60 km vom Bahnhof entfernt. Einige Leute steigen zu, Wasser wird bei den Wagen nachgetankt und die Radlager abgeklopft. Es ist richtig warm, kaum vorstellbar, dass wir vor 9 Tagen in Saratow noch einen Schneesturm hatten.

Die Stadt Turfan liegt auf einer Meeres- „Höhe“ von –154 m, also genau genommen in einer Senke, Es ist die tiefstgelegenste und zugleich heißeste Stadt Chinas. Nach dem Toten Meer ist die Turfan-Senke der zweitniedrigste Punkt der Erde.

Pünktlich verlassen wir den Bahnhof, rechts ist gut die weite Senke von Turfan zu sehen.

Die Gegensätze könnten kaum krasser sein, die Hitze lässt die Luft vibrieren, während sich weit vorne schon das nächste schneebedeckte Gebirge zeigt (oder ist es doch nur eine Vatermorgana?). In großen Bögen geht es um Geröllhügel herum. Die Strecke muss erst vor kurzem zweigleisig ausgebaut worden sein, sowohl Ober- als auch Unterbau der Strecke sind in einem hervorragenden Zustand. Einige Bahnhöfe sind aber dennoch mit Formsignalen mit nach unten fallenden Flügel ausgerüstet.

Bahnhof Shanshan, wir haben Gelegenheit auszusteigen. Die von mir in Russland so geschätzten Märkte auf dem Bahnsteig gibt es hier nicht. Dafür aber mehrere Verkaufswagen mit Getränken, Fertigsuppen und vielem mehr.

Weiter gehts, linker Hand die Wüste Gobi und zur rechten immer noch die Wüste Takla-Makan.


Markt auf dem Bahnsteig
der Chinesischen Art.
Bahnhof Shanshan
Eine andere Schaffnerin kommt und macht ein Wahnsinnstheater, weil sie eine von den Mülltonnen vermisst, die Ihre Kollegin am Morgen eingesammelt hat. Sie vermutet doch tatsächlich, dass wir die Tonne aus dem Fenster geworfen haben!

Gelegentlich sind grüne Oasen zu sehen, in denen sogar einige Obstbäume blühen.

Die Sonne steht tief, als der Zug den Bahnhof von Hami erreicht. Es findet ein Lokwechsel von DF4 Baujahr 1996, auf DF4 Baujahr 1985 statt. Ein paar Wolken tauchen auf, die sich wenig später wieder verziehen, gute Sicht für einen tollen Sonnenuntergang in der Wüste.

Die Uhrzeiger sind über Mitternacht weit hinausgerückt, Gespräche verstummen, man begibt sich zur Nachtruhe. Nun finde ich Gelegenheit einen Platz am Fenster einzunehmen. Trotz der vorgerückten Stunde bietet sich mir ein grandioser Blick. Nur schwach fällt schummriges Licht aus dem Wagen auf das Gleis und zaubert unwirkliche Reflexe auf die sich mal nach links und rechts windenden, glänzenden Schienenbändern. Selten blinken Lichter von kleinen Bahnhöfchen in unsere rollende Welt hinein. Manchmal zeugen entfernte Lichtpunkte in dieser mond- aber nicht kometenlosen Nacht(!) von einsamen Gehöften oder kleinen Ansiedlungen. In der Ferne plötzlich ein Licht schnell kommt es näher, wird gleißender und schon fegt ein Güterzug vorüber. Die Lider werden schwer, der Kopf neigt sich - Nachtruhe.


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