Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Montag den 31.03.1997 - Der 10. Tag - Urumqi

Das erste, was ich von China bei Tageslicht sehe ist schlechtes Wetter. Dicke Wolken hängen am Himmel und es regnet. Die Landschaft ist fast kahl, nur in der Nähe von Gehöften sind vereinzelt Pappeln zu sehen. Lehmhütten, Strohhüten, Pferdefuhrwerke passieren wir, hier und da arbeiten einige Bauern auf dem Feld.

Das „Büro“ (Udo, Harald und Lars) meldet, dass der Zug immer noch über 2 Stunden Verspätung hat. Sie haben dies anhand der Kilometersteine ausgerechnet.

Gegen halb 12 halten wir in Urumqi Xi, aber niemand steigt aus. Xi der Rangierbahnhof von Urumqi hat zwar „nur“ 2 Bahnsteige dafür aber unzählige Rangiergleise. Nach 10 Minuten geht’s weiter, die Landschaft ändert sich, es wird hügelig mit tief ausgewaschenen Furchen. In großen Kurven geht es am Hang entlang Berg ab. Je näher wir uns der Stadt nähern um so größer werden die Müllberge links und rechts der Bahn. Nach einigen Kurven liegt sie tief im Tal vor uns: die Stadt Urumqi. Ich glaube meinem Augen nicht zu trauen, soll das wirklich Urumqi sein oder nur die größte Müllkippe der Welt. Unter einer dichten Smogglocke sind nur schemenhaft Häuser zu erkennen Nur gut, dass wir diese Müllkippe nach ziemlich genau drei Stunden wieder verlassen werden.

Um 12.01 Uhr und mit 151 Minuten Verspätung kommen wir im Bahnhof von Urumqi zum stehen. Damit liegt die Hälfte des Weges hinter uns, von nun an geht es, zumindest den Kilometern nach bergab. Wie gewohnt versammeln wir uns auf dem Bahnsteig, der sogar über eine Überdachung verfügt. Ich halte Ausschau nach einem Vertreter von CITS, der uns die Tickets für den nächsten Abschnitt geben soll.

CITS (China International Travel Service) ist für die Organisierung von Reisen für Ausländer zuständig. Die Zentrale ist in Peking, von hier aus werden sowohl Gruppen- als auch Einzelreisenden koordiniert. Das Hauptbüro hat seine Zuständigkeiten nach Gebieten und Sprachräumen aufgegliedert und besitzt in jeder größeren Stadt Zweigniederlassungen, die für die Betreuung der Reisegruppen bzw. Einzelreisenden vor Ort zuständig sind.

Kurz darauf spricht mich auch jemand in gebrochenem deutsch an und zieht mich zur Seite. Ich solle mich nicht aufregen, sagt er, aber wegen der Verspätung konnte der Zug nach Chengdu leider nicht warten. Ich verstehe nicht ganz, soll doch der Zug 114 erst um 15.13 Uhr hier in Urumqi abfahren. Aber zum 1 April werden bei der chinesischen Eisenbahn die Fahrpläne komplett geändert. Begründet wird diese Fahrplanänderung mit der Inbetriebnahme von neuen Strecken und der Beschleunigung des gesamten Fernverkehrs. Ich verstehe immer noch nicht ganz, haben wir heute denn nicht Ostermontag den 31 März 1997. (polnische Verhältnisse, denke ich) Es nützt nichts, Unser Zug ist bereits um halb Elf abgefahren. Wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen, es sei bereits alles für die Weiterfahrt arrangiert. Die wird aber nicht mehr heute stattfinden sondern erst morgen. Damit wird sich auch der Ablauf der weiteren Reise um voraussichtlich einen Tag nach hinten verschieben und somit der Aufenthalt in Hongkong noch kürzer, als er ohnehin schon ist.

Wir folgen ihm durch die Bahnsteigunterführung zum Ausgang, wo man uns an der Sperre, zu allem Unglück, auch noch die Fahrkarten abnimmt. Nachdem wir den Bahnhof verlassen haben, verabschiedet sich der China-Mann kurz, um den Bus zu holen und mich trifft der Schlag.

Wenn ich einmal gesagt habe dass Russland, im Vergleich zu Deutschland, auf einem anderen Planeten liegt, dann muss ich mich jetzt in einer anderen Galaxie befinden.


Ein neuer Tag, eine andere
Welt. Bahnhofsvorplatz von
Urumqi.
Der Vorplatz ist total mit Menschen unterschiedlichster Rassen überfüllt. Umsäumt wird der Platz von 5-6 Stöckkigen Gebäuden. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich einmal so schutzlos gefühlt zu haben. Im Nu hat sich das Volk um uns versammelt, und wir werden bestaunt wie Außerirdische. Wir bilden mit unserem Gepäck eine Schutzburg, wenn die Massen jetzt über uns her fallen, sind wir verloren. Zum Glück passiert aber nichts. Wenig später ist auch unser Führer wieder da. Wir folgen ihm über den Platz zum Bus. Während wir durch überfüllte Strassen zum „Übersee“ Hotel fahren (wohlgemerkt, Urumqi liegt Tausende von Kilometern von der nächsten Küste entfernt !), erzählt er uns einiges über Urumqi.

Urumqi ist die Hauptstadt der Autonomen Region Xinjiang und liegt 900 Meter über den Meeresspiegel. Die Stadt hat eine Millionen Einwohner die zu 75 Prozent aus han-chinesen und nur noch zu je 10 Prozent aus uigurischer und Hui-Bevölkerung besteht. Wie ein Becken ist die Stadt an vier Seiten von Bergen umgeben, im Osten erhebt sich der 5445 m hohe Bogda Shan, woran sich die Gurbantünggüt Wüste anschließt.

Am Hotel angekommen checken wir uns ein, bekommen aber keinen Zimmerschlüssel sondern nur einen kleinen roten Zettel auf dem die Zimmernummer steht. Ich wechsele einige DM in Yuan um und fahre dann in den 7 Stock. Im Fahrstuhl von 1980 gibt es sogar ein „Liftgirl“, welches nicht viel älter als der Lift sein kann. Oben angekommen gebe ich den kleinen roten Zettel bei der Etagenfrau ab, bekomme aber auch von ihr keinen Schlüssel. Statt dessen geht sie voran und schließt uns die Zimmertür auf. Zusammen mit Udo habe ich das Zimmer 14, es ist nicht so modern wie das von Almaty aber ganz ok. Auf dem Tisch stehen zwei Thermoskannen mit grünem Tee, außerdem gibt es einen kleinen Balkon, der aber durch den Smog angegriffen wirkt. Um halb zwei treffen wir uns mit den anderen in der Lobby, um uns anschließend die Stadt anzusehen.

Erst geht es zu einem Basar, dessen Angebot überwältigend ist, es gibt alle erdenklichen Sorten von Obst, unzählige Gewürze, Backwaren, Fleisch, Kleidung, Teppiche, Stoffe und so weiter. Mitarbeiter vom deutschen Hygieneinstitut würden beim Anblick der hier angebotenen Lebensmittel einen Herzinfarkt bekommen. Nichts wird weder gekühlt noch in einer anderen Form vor den Witterungseinflüssen geschützt angeboten. Mutig wie wir sind, kaufen wir dennoch Gebäck, Bananen und Fladenbrot.

Von einer Brücke über eine stark befahrenen Strasse bekommen wir eine gute Übersicht über die Stadt und den Verkehr. Die Zahl der Autos hält sich in etwa die Waage mit den Fahrrädern. An Architektur wird einem von postmodern bis zur schrägsten Baracke alles geboten. Das Stadtbild wird weiterhin von zahlreichen Moscheen geprägt. Neben den chinesischen Schriftzeichen finden sich auch arabische und lateinische Schriftzeichen an Waren und Gebäuden.

Von Süden sehen wir eine Schlechtwetterfront auf uns zu ziehen, die dortigen Stadteile sind schon nicht mehr zu erkennen. Wir ergreifen die Flucht und finden Schutz in der Bank von China. Hier können die anderen auch gleich Geld tauschen. Irgendwie schon merkwürdig, aber sowohl vor der Bank als auch in der Bank selber (!) machen uns ein paar Typen an, mit ihnen schwarz zu tauschen ! Draußen wütet indessen ein Unwetter. Hat der Typ von CITS nicht gesagt, dass Urumqi eine sehr trockene Stadt mit nur 200 ml Regen im Jahr ist. Warum nur, müssen die ausgerechnet heute auf einen Schlag runter kommen?

Wettermäßig ist keine Besserung in Sicht, und wir beschließen uns wieder in Richtung Hotel zu begeben. Auf den Weg dorthin besichtigen wir ein orientalisches Kaufhaus. Es ist vollgestopft mit Menschen, und es gibt fast alles zu kaufen, macht aber einen ziemlich chaotischen Eindruck. Als wir uns gerade im zweiten Stock befinden, fällt der Strom aus, und wir stehen im Dunkeln. Langsam voran tastend und über irgendwelche Sachen stolpernd suchen wir den Ausgang. Etwas mulmig wird es mir, als ich an die Möglichkeit denke, wenn hier zuerst Feuer und anschließend Panik ausbricht. Irgendwie finden wir aber doch wieder heraus, über den Basar gelangen wir wieder zu unserem Hotel, welches gegen 16.00 Uhr erreicht wird. Für 19 Uhr verabreden wir uns zum Abendessen in der Lobby, die verbleibende Zeit nutze ich zum Duschen und Relaxen.

Punkt 19.00 Uhr sind wir in der Lobby. Weil wir in der Hotelgaststätte nur „Moslem Food“ bekommen können, gehen wir in die dem Hotel gegenüber liegende Gaststätte. Wir betreten einen großen Raum mit Spiegeln an den Wänden. Am Eingang und in den Ecken befinden sich Aquarien und Terrarien mit „frischen“ Fischen und anderem Getier zum Essen. Mehrere große runde Tische stehen im Raum auf denen sich wiederum jeweils große runde „kugelgelagerte Scheiben“ befinden. Es sind keine weiteren Gäste anwesend, so nehmen wir an einem der hinteren Tische Platz.

Sogleich kommen mehrere junge Kellnerinnen, bringen Gläser, eine Kanne mit grünem Tee, eine mit Milch und die handgeschriebene Speisekarte. Die können wir natürlich nicht lesen, wir versuchen es auf englisch, aber auch das funktioniert nicht. Erst nachdem ein junger Mann in ziviler Kleidung geholt wird, der etwas englisch spricht, können wir uns verständlich machen. Wie aus dem nicht heiterem Himmel taucht sogar auf einmal eine englischsprachige Speisekarte auf. Was da zu lesen ist, lässt mir nicht gerade das Wasser im Munde zusammen fließen.

Letzten Endes entscheide ich mich für Beef mit Reis. Die erste Hürde wäre genommen, stellt sich sogleich die zweite, das Essen selber. Denn niemand von uns scheint so richtig Ahnung im Umgang mit den beiden überdimensionierten „Zahnstochern“ zu haben. Ganz vorsichtig fragen wir ob es auch „richtiges“ Besteck gibt. Was mit allgemeiner Heiterkeit unter dem Personal beantwortet wird. Unterdessen wird das Essen gebracht und auf die große „kugelgelagerte Scheibe“ in der Mitte des Tisches abgestellt. Äußerst praktisch, so eine Scheibe, besteht doch so die Möglichkeit, durch drehen der Scheibe, sich auch bei den Tischnachbarn zu bedienen. Oh welch Wunder, man hat tatsächlich drei Gabeln aufgetrieben. Das Gekichere des Personals im Hintergrund nimmt kein Ende, ich finde die Vorstellung, die wir hier geben eher peinlich als komisch. Das „Beef“ ist ein Witz, nicht nur weil es kalt ist, sondern die 1 mm dünnen Scheiben überwiegend aus Speck bestehen. Wenigstens der Reis erfüllt, die in ihn gesteckten Erwartungen. Ein besonderes Lob verdient jedoch der hervorragende Pflaumenwein, der uns zu dem Mahl kredenzt wird. Nach gut 1 ½ Stunden ist die alles in allem blamable Vorstellung von uns „Langnasen“ überstanden. Wieder im Hotelzimmer gönne ich mir zum Abschluss des Tages aus meiner Notverpflegung ein extra großes Stück westfälischer Salami mit Brot und als Dessert Schokolade.


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