Reisebericht

Abenteuer Seidenstrasse


Samstag den 22.03.1997 - Der 1. Tag - Die Anreise

Eigentlich ist die Distanz von 555 km bis Berlin geradezu lächerlich, verglichen zu den rund 15.000 km, die dann noch vor mir liegen. Dass aber eine Fahrt mit der Deutschen Bahn AG, selbst über eine so kurze Entfernung, zu einem Erlebnis der ganz besonderen Art werden kann, habe ich in der Vergangenheit gelegentlich, im wahrsten Sinne des Wortes, „erfahren“ müssen. Aber dass es gleich so doll kommt, hätte ich dann doch nicht erwartet.

Mit rund 30 kg Gepäck/Proviant stehe ich an diesem kalten Märzmorgen auf dem Bahnsteig von Neheim-Hüsten. Immerhin pünktlich um 6.09 Uhr geht’s mit dem Regional-Express (RE) auch los Richtung Fröndenberg. Zwanzig Kilometer liegen immerhin schon hinter mir, als ich Fröndenberg erreiche. Beim Aussteigen stelle ich fest, dass auf Gleis 11 meine Regional nach Unna noch nicht da ist – sehr verdächtig! Auf Bahnsteig 11 angekommen ein erster sorgenvoller Blick auf die Uhr – in 5 Minuten soll mein Zug nach Unna fahren. Unterdessen treffen auf Gleis 13 drei leere Triebwagen, (Baureihe [Br.] 628/928) wahrscheinlich aus Dortmund, ein. Einer davon müsste meiner nach Unna sein, obwohl er normalerweise jetzt schon als Regional-Bahn (RB) aus Menden kommen müsste. Noch besteht also Hoffnung, der erste Triebwagen hängt ab und zieht als Rangierfahrt vor, um nach Gleis 11 umzusetzen. Inzwischen sind die 5 Minuten vorbei, und anstatt, dass der Triebwagen zurück kommt, bleibt dieser an der hintersten Weiche stehen.

Nichts tut sich, mir reicht’s. Mittels Vierkantschlüssel öffne ich den nächsten Fernsprechkasten, um mit dem Fahrdienstleiter zu sprechen. Ich schildere ihm kurz mein Problem, Zug nach Unna weiter über Hamm, Berlin, Akmola nach Hongkong. Anstatt mich für verrückt zu halten (von wegen mit Zug nach Hongkong und so), sagt er mir, dass die Weiche nach Gleis 11 eingefroren sei. Tolle Sache denke ich, wozu gibt es hier eigentlich eine Weichenheizung. Unterdessen rennt das Zugpersonal von diesem und den anderen beiden Triebwagen hektisch auf dem Bahnsteig hin und her. Auch Ihnen erkläre ich meine Situation (Sie nehmen es sehr gefasst auf, so dass ich glauben könnte, es fahren ständig Leute von Fröndenberg mit dem Zug nach Hongkong) und mache Ihnen den Vorschlag, doch einfach mit dem hintersten der anderen beiden Triebwagen nach Unna zu fahren.

Sie hätten ja auch nichts dagegen, jedoch könnten Sie das nicht entscheiden. Wenigstens teilen Sie meinen Vorschlag auch dem Fahrdienstleiter mit, und erklären ihm noch einmal mein Anliegen. Inzwischen ist es 6.40 Uhr, und mein Zug in Unna fährt um 6.58 Uhr, da erhalte ich vom Zugpersonal die Meldung, dass ich nach Unna ein Taxi nehmen und mir über den Fahrpreis eine Quittung vom Fahrer geben lassen soll. Ich möge mich bei der Einreichung der Quittung bei der DB auf die Genehmigung durch den Fahrdienstleiter berufen.

Alles etwas merkwürdig und äußerst zweifelhaft, ich habe jedoch keine andere Wahl mehr (inzwischen ist es 6.45 Uhr) und gehe sofort Richtung Taxistand. Wenigstens ist sofort ein Taxi vorhanden, dem Fahrer erkläre ich kurz meine Situation (hält mich für völlig verrückt) und frage ob er bis 6.58 Uhr in Unna sein kann. Er kann, vorausgesetzt die Strassen sind leer. Und schon geht’s los. Die Strassen sind leer und so erreichen wir nach 12 Minuten den Bahnhofsvorplatz von Unna. Das Taxi steht noch nicht ganz, als auf Gleis 1 mein Zug nach Hamm/Westf. einfährt. - „PANIK“ - Während der Fahrer an der Quittung schreibt, zerre ich meinen Rucksack aus dem Kofferraum. Die Zeit ist zu knapp, ich gebe dem Fahrer meine Adresse und er mir seine. Ohne Quittung und zu bezahlen renne ich los.

Rucksack und Tragetaschen hinter mir her schleifend gelange ich zum Treppenaufgang nach Gleis 1 und brülle, dass der Zug warten solle. Völlig außer Atem erreiche ich die letzte Tür vom letzten Wagen und steige ein. Im selben Augenblick kommt auch der Taxifahrer angerannt und möchte sein Geld haben, ich gebe es Ihm, bekomme aber keine Quittung. Eigentlich hätte der Zug schon abfahren müssen, ist es doch schon 7.00 Uhr durch. Aber wie ich von anderen Reisenden höre, bin ich wohl nicht der Einzige, der mit dem Taxi aus Richtung Fröndenberg/ Menden gekommen ist. Habe ich diesen Zug so gerade noch bekommen, muss ich mir nun schon wieder Sorgen um meinen ICE in Hamm/Westf. machen. Endlich um 7.04 Uhr geht’s los. Sowohl das Umsteigen in Hamm/Westf. als auch die Fahrt im ICE „Spree-Kurier“ nach Berlin=Zool. Garten verlaufen reibungslos; endlich mal Zeit auszuruhen.

Auf die Minute pünktlich kommt der „Spree-Kurier“ im Bahnhof zum stehen. Auf dem direktem Weg gehe ich zur S-Bahn, um mit ihr zum Bahnhof Berlin-Lichtenberg zu fahren.

Eine halbe Stunde später bin ich dort und versuche zunächst mein Gepäck loszuwerden. Es gibt nur diese supermodernen Chipkarten-Schließfächer, deren Bedienung für jemanden vom Lande doch etwas Übung abverlangt. Nachdem es mir, mit Einweisung von örtlichem Personal, doch noch gelingt alles Gepäck im Schließfach zu verstauen, bleiben mir noch knapp 4 Stunden bis zur Abfahrt des D1249.

Bei meinem kurzen Kontrollgang durch den Bahnhof stelle ich ganz nebenbei fest, dass der Gegenzug (D1248) mit über 60 Minuten Verspätung eintreffen wird. Wieder mit der S-Bahn über die Stadtbahn fahre ich zu meinem Stammlokal am Savigniyplatz, um mich vor dem großen Trip noch einmal so richtig satt zu essen. Anschließend noch ein paar Einkäufe getätigt, fahre ich wieder mit der S-Bahn Richtung Bahnhof Lichtenberg.

Die S-Bahn ist nicht besonders voll, mir schräg gegenüber sitzt eine total betrunkene Frau, um die 50, die ständig etwas vor sich hin faselt. Die S-Bahn hat gerade den Bahnhof Janowitzbrücke verlassen, als sich die betrunkene Frau mit einem Aufschrei, nur wenige Zentimeter neben mir, übergibt. Ich bin schon wieder total fertig, nicht auszudenken, wenn das nicht daneben gegangen wäre. Inzwischen bin ich mir sicher: Wenn ich mit dem D1249 nach Akmola Deutschland verlassen habe, liegt das schwierigste Stück hinter mir.

Noch etwas schockiert steige ich am Hauptbahnhof aus, um dem im Erdgeschoss liegenden Supermarkt noch einen kurzen Besuch abzustatten. Dort treffe ich Udo, und gemeinsam fahren wir anschließend zum Bahnhof Lichtenberg.

Es ist noch eine Stunde bis zur Abfahrt des D1249, die Wagen sind aber bis jetzt nicht bereitgestellt. Nach und nach treffen auch die anderen Teilnehmer ein. Unser Zug fährt auf Gleis 13, und wir haben den Wagen 261, den zweiten hinter der Lok.


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